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daß die Stände und Berufe meistens diejenigen als ihre Vertreter
bezeichnen und auswählen, welche auf dem in Frage stehenden
Spezialgebiet des Wissens Hervorragendes leisten. Sie sind also
wohl gute Mittelsleute auf ihrem Spezialgebiet, aber nicht ohne
weiteres gute Mittelsleute für das gesamte politische Leben. Die
Struktur der modernen Republiken drängt besonders auf die Aus-
wahl der Mittelspersonen nach diesem Grundsatz. Der Grund ist in
dem Vorhandensein guter wirtschaftlicher Organisationen und in dem
völligen Fehlen staatsbürgerlicher Organisationen zu suchen.
Je mehr aber die wirtschaftliche Entwicklung des
20. Jahrhunderts auf eine politische Trennung von
Staat und Wirtschaft drängt, um so mehr tritt auch
die Tatsache zutage, daß die grundlegende Gliede—
cung der Nation nach ständischen Grundsätzen zur Un—
möglichkeit wird.
Die diktatorische Auswahl
Das Wesen der diktatorischen Auswahl der Mit—
telspersonen zwischen Regierung und Volk besteht
darin, daß die Mittelsperson durch die führende Ge—
walt einfach bestimmt wird.
Diese Methode ist eine Begleiterscheinung der Diktatur des Obrig-
keitstaates oder Beamtenstaates. Vorgebildete Beamte werden einfach
mit der Wahrnehmung der Vermittlerrolle beauftragt. Dieses System
kann verwaltungstechnisch bei einem hervorragenden Beamtenkörper
von bestem Erfolge sein. Es hat aber den Nachteil, daß es zur toten
Schematisierung und zur Unterdrückung des politischen Lebens im
Volke fuhrt. Seine natürliche Folge ist die Verstaatlichung der In⸗
telligenz. Auf diese Weise wird der ganze Staat, Regierung und
Führung dem Volke etwas Fremdes. Das natürliche Endergebnis
ist die Erziehung des Volkes zum Untertanentum und das Ver⸗
kümmern des Staatsbürgertums. Man kann auf diese Weise ein
ordnungsliebendes und gehorsames Volk erziehen. Man kann aber
niemals die völkischen Triebe und Kräfte pflegen, welche ein Volk
zum Aufstieg führen.
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