fullscreen: Die russische Weltanschauung

Man fühlt, daß die Überwindung des philosophischen Idealismus 
für die russische Philosophie sozusagen eine Lebensfrage ist. Ich 
versuche zuerst, das Grundthema dieser Geistesrichtung, in dem sich 
ein sehr bedeutender Unterschied zwischen dem neueren westeuro- 
päischen und dem russischen Denken abspiegelt, in seinem Hauptzuge 
darzustellen. 
Für die westeuropäische Philosophie nicht nur seit Kant, sondern 
schon seit Descartes und Locke ist das erste unmittelbare, das Selbst- 
evidente nicht das Sein, sondern immer nur das Bewußtsein oder das 
Wissen (von dem Unterschiede der verschiedenen Formulierungen darf 
ich hier absehen). Das Sein ist entweder im absoluten Sinne über- 
haupt für das Wissen unerreichbar und durch sein phänomenales Bild 
im Bewußtsein ersetzt (wie bei Kant), oder jedenfalls nur durch die 
Vermittlung des Wissens, also durch das Bewußtsein gegeben. In der 
berühmten und sehr charakteristischen Formel von Descartes „Cogito, 
ergo sum“ ist das einzige evidente Sein, nämlich das Sein meiner 
selbst, doch nur als Schluß (wenn auch als selbstevidenter Schluß) von 
meinem Denken gegeben. Für einen in den Begriffen des westeuro- 
päischen Denkens erzogenen Geist scheint diese Sachlage selber ganz 
evident, und das Gegenteil ihr ganz unmöglich zu sein. Diese ver- 
meintliche Selbstverständlichkeit des Idealismus ist auch in den be- 
kannten Worten Kants ausgedrückt: „Außer unserer Erkenntnis haben 
wir doch nichts, womit wir unsere Erkenntnis vergleichen könnten.“ 
Es ist auch nicht nur eine abstrakte philosophische Theorie, eine 
durch irgendwelche theoretischen Gründe vermittelte These, sondern 
es ist eine unmittelbare Äußerung einer sozusagen unwillkürlichen 
Lebensauffassung. Der neuere westeuropäische Mensch empfindet sich 
eben als ein individuelles denkendes Bewußtsein, und alles übrige, 
als nur für dieses Bewußtsein und durch seine Vermittlung gegebenes. 
Er fühlt sich nicht im Sein eingewurzelt oder vom Sein getragen, 
und sein eigenes Sein empfindet er nicht als eine Äußerung eben des 
Seins selber, sondern als eine ganz andere Instanz, die dem Sein 
gegenübersteht; er fühlt sich also sozusagen vom Sein geschieden, und 
kann zu ihm nur auf dem Umwege einer bewußten Erkenntnis ge- 
langen. Ein ganz anderes Lebensgefühl äußert sich in der russischen 
Weltanschauung, die eben deshalb auch nach einer ganz anderen 
philosophischen Theorie strebt. Diese Philosophie versuche ich hier 
natürlich nicht zu begründen, sondern nur darzustellen und klar zu 
machen. Dem russischen Geiste erscheint der Weg vom „cogito“ zum 
„sum“ immer ganz künstlich; der rechte Weg führt für ihn im Gegen- 
teil nur vom „sum“ zum „cogito“. Was unmittelbar evident ist, nicht 
durch irgend ein anderes erst erscheinen und erfaßt werden muß, nur 
auf sich selbst beruht und durch sich selbst sich darstellt, ist eben das 
Sein selber. Das Sein ist nicht durch das Bewußtsein oder für das 
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