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Rohstoffe. Produktion.
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Nach einem weiteren Bericht 1 ) über das Jahr 1911 hat die englisch-bulga
rische Baumwollgarnspinnerei „Prince Boris“ in Varna bei einem Arbeiterstand
von durchschnittlich 400 bis 500 Mann in Tages- und Nachtarbeit während des
Berichtsjahres nahezu 9000dz Baumwolle, darunter etwa 90 Proz. amerikanischer
Herkunft, verarbeitet und etwa 65 000 dz ungebleichte Extrahardgarne in den
Nummern 4, 6, 8, 10, 12, 14, 16 und 18 fabriziert, welche sie zum Preise
von 11,15 bis 12,65 Frcs., je nach Nummer, pro Paket von 10 Pfund englisch
absetzte. Die seit Ende 1906 in Betrieb stehende Vamaer mechanische Baum
wollweberei mit Dampfbetrieb war im Berichtsjahre gut beschäftigt. Sie hat
gegenwärtig 200 Webstühle, doch soll sie bestrebt sein, die Zahl ihrer Webstühle
bis auf 400 zu bringen. Die Produktion der genannten Weberei betrifft haupt
sächlich ungebleichte und im Faden gebleichte Baumwolltücher, Kabots und
Americain genannt, welche in Bulgarien einen guten Absatz haben. Das hier
zugehörige Garn wird aus Manchester importiert.
Die Wollindustrie. In Bulgarien ist die Wollindustrie viel bedeutender
als die Baumwollindustrie. Die rohe Wolle wird zum größten Teil aus der
beträchtlichen inländischen Schafzucht gewonnen. Nach Entscheff betrug im
Jahre 1911 die Zahl der vom Staate begünstigten Wollspinnereien und Webe
reien 36 mit Anlagekapitalien von zusammen annähernd 8,5 Mill. Mark. Der
Hauptsitz der Tuchindustrie ist Gabrovo mit Umgebung. Hergestellt werden
in erster Linie Militärbekleidungsstoffe, ferner die gröberen Wollstoffe, von
denen die sogenannten „Schajaks“ zum Teil auch zur Ausfuhr gelangen. Die
feineren Tuche und Damenstoffe werden aus dem Auslande eingeführt. Auch
die Wirkwarenindustrie, mit der sich in Gabrovo 5 Fabriken beschäftigten, ent
wickelt sich günstig. Ebenso ist auch noch die Teppichindustrie, die als Haus
industrie betrieben wird, zu erwähnen.
Nach einem weiteren Bericht über das Jahr 1911 besitzt die Textilindustrie
im Rustschuker Konsularbezirk 14 Tuchfabriken und 22 andere und hat gleich
falls, begünstigt durch den hohen Schutzzoll, in den letzten Jahren bedeutende
Fortschritte gemacht. Die Produktion dieser Fabrikbetriebe bewertete sich im
Berichtsjahre schätzungsweise auf etwa 11 Mill. Francs. Die Fabrikation erstreckt
sich in erster Linie auf grobe Tuche, sogenannte Aba und Schajaks, die vor
wiegend für die Landbevölkerung und das Militärärar verfertigt werden. Ein
Teil hiervon gelangt zur Ausfuhr, hauptsächlich nach der Türkei. Neben diesen
Tuchsorten bilden die im Gabrovoer Bezirk vielfach hergestellten farbigen
Schnüre, zum Besticken der Nationalkleidung dienlich, „Gaitan“ genannt, einen
wichtigen Exportartikel nach der Türkei, Griechenland, Rußland, Serbien und
Bosnien. Die Ausfuhr der bulgarischen Textilprodukte, die im Berichtsjahre
mehr als 3 Mill. Francs werteten, ist im Berichtsjahre zufolge des vertragslosen
Zustandes mit der Türkei um mindestens 50 Proz. zurückgegangen. Neben den
erwähnten groben Tuchsorten werden auch bessere Qualitäten, namentlich die
l ) Das deutsche Wollengewerbe 1912, S. 1529.