8 29. Die Natur der Rente. +5
zustellen, folglich als ein Verbrauchsgut nicht als ein dauerhaftes Gut
zu rechnen. Aber auch relativ dauerhafte Eigenschaften des Bodens, die
tatsächlich nur durch eine ständige produktive Tätigkeit erhalten
werden, sind nicht als „Boden“, sondern vielmehr als festes Realkapital
aufzufassen. Der Boden als primärer Produktionsfaktor umfaßt also
nur diejenigen ursprünglichen Eigenschaften des Bodens, die durch
ordinäre Benutzung nicht verbraucht werden, ist also in diesem Sinne,
obwohl natürlich nicht im absoluten, physischen Sinne „unzerstörbar‘‘.
Als Rente im eigentlichen Sinne ist demgemäß, in Übereinstimmung
mit der Ricardoschen Formel, nur der Preis für die Benutzung der
ursprünglichen und unzerstörbaren Kräfte des Bodens zu betrachten.
Diese Rente kann also nicht als Belohnung irgendwelcher produktiven
Tätigkeit, sei es schaffender oder unterhaltender Natur, aufgefaßt
werden. Die Existenz der Rente ist einfach durch die Notwendigkeit,
die Nachfrage nach der knappen Bodenbenutzung zu beschränken,
bedingt.
Daß man geneigt ist, sich den Boden als nicht produzierbar vor-
zustellen, beruht wesentlich darauf, daß man die Sache mehr aus einem
physischen als einem wirtschaftlichen Gesichtspunkt betrachtet. Vom
wirtschaftlichen Gesichtspunkt ist der Boden nicht lediglich ein Stück
Erde, er umfaßt vielmehr auch verschiedene physische und wirtschaft-
liche Eigenschaften des Bodens, wie z. B. seine Fruchtbarkeit, seine
Verbindung mit den Absatzmärkten oder, falls es sich um städtischen
Boden handelt, seine Grundverhältnisse und seine Nähe am Zentrum
oder seine Lage in bevorzugten Wohnvierteln. Solche Eigenschaften
des Bodens können aber durch geeignete produktive Tätigkeit in großem
Umfang hergestellt werden und werden es auch, sobald die Marktlage
es lohnend macht. Eine Produktion von Fruchtbarkeit, in größtem Stile
hat unsere Zeit in den bekannten Bewässerungsanlagen die das trockene
Gebiet des nordamerikanischen Westens für die Landwirtschaft eröffnet
haben, und in der Regulierung des Nilflusses beobachten können.
Vom Gesichtspunkt der Deckung des europäischen Getreidebedarfs
sind der Ausbau des nordamerikanischen und kanadischen Eisenbahn-
netzes und die Entwicklung der großen Ozeandampfer als Mittel zur
Produktion von Boden, der mit dem europäischen Boden auf europä-
ischen Absatzmärkten konkurrieren kann, zu betrachten. Bekanntlich
hat auch diese Konkurrenz einen ziemlich starken Druck auf die Rente
des landwirtschaftlichen Bodens Europas ausgeübt. Daß Holland in
ziemlich großem Umfang dem Meere Boden abgewonnen und somit
buchstäblich produziert hat, ist ebenfalls eine bekannte Tatsache,
Was den städtischen Boden betrifft, so ist es besonders kennzeichnend,
daß nunmehr vollständige Villenstädte von Unternehmern geschäfts-
mäßig produziert werden, und dadurch den Grundbesitzern der Stadt
eine Konkurrenz bereitet wird. Diese Produktion überwindet Abstände
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