Neue Anschauungen von Staat und Gesellschaft. 109
Noch heute aber wird schwer zu sagen sein, welche von beiden
Reformen, die im Verlaufe der Geschicke der abendländischen
Volker Ruhmestitel vor allem der deutschen Geschichte bilden,
universal-historisch die wichtigere war, ist und sein wird.
Innerhalb des engeren Bereiches der deutschen Entwicklung
allein darf jedenfalls eins nicht verkannt werden: diese reiche,
klare, folgerichtige Entfaltung der Erziehung war der erste und
vom nationalen Standpunkte aus zugleich am besten gelungene,
weil fast durchaus originale deutsche Beitrag zur Entwicklung des
modernen öffentlichen Lebens überhaupt. Denn der Hffentlich—
keit im höchsten Sinne gehört diese Entwicklung nicht minder
an als die des Staates: schon die Tatsache, daß Unterricht
und Erziehung der subjektivistischen Zeit zum größten Teile aus
öffentlichen Mitteln bestritten werden, beweist es.
Gegenüber dieser denkwürdigen Entwicklung, die in eigen—
artigster Weise unsere moderne Verfassungsgeschichte einleitet, will
denn freilich das, was bis zum Beginne des 19. Jahrhunderts
im Bereiche der deutschen Geschichte auf verfassungsmäßigem
Gebiete im engeren Sinne geleistet worden ist, nicht allzuviel
besagen. Wir wissen schon: die Bestrebungen, ein Neues zu
bilden, verliefen in Preußen und in Osterreich noch auf dem
Boden der absoluten Monarchie, und so mußten sie, bei allem
Wohlwollen und auch Erfolge im einzelnen, doch für den tieferen
Gang des nationalen Schicksals unfruchtbar bleiben. Und nur
da, wo dieser Boden in der Entwicklung einer freieren Sozial⸗
politik teilweise schon verlassen wurde, in Hsterreich, haben sie
den Anfang gemacht, in eine neue Zeit überzuleiten — ohne
freilich in dieser Fortsetzung zu finden. Nicht klarer, aber
tiefer und darum glücklicher war die Entwicklung an einigen
anderen Stellen deutschen Wesens, in Kursachsen und am Nieder⸗
rhein gewesen, da, wo gegenüber kleineren Staatsgebilden eine
besonders kräftig fortgeschrittene soziale Entwicklung stärker
vorwärts drängte. Hier ist denn in der Tat ein leiser, im
Einzelereignis fast unmerklicher Fortschritt zu modernen öffent⸗
lichen Zuständen teilweise noch im 18. Jahrhundert erreicht
worden.