Full text: Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

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10. Kapitel. 
Die Prostitution der dienenden Klaffe und ihre Eindämmung. 
In unserer gedrängten Darstellung der sozialen Seite der Pro 
stitutionsgeschichte deuteten wir immer mit dem Finger auf die sehr 
gewichtige Tatsache: die rechtlosen, stadtfremden, wirtschaftlich ab 
hängigen Klassen der weiblichen Bevölkerung, die in engster Be 
rührung mit den herrschenden sozialen Klassen stehen, gleiten haupt 
sächlich in den Schmutz der Prostitution herab. Und gerade die 
Statistik der modernen großstädtischen Prostitution bestätigt diese 
Tatsache glänzend. Die in sozialer Hinsicht stadtfremde, einem 
Ausnahmerecht unterstellte, dienende Klasse der Frauen und Mädchen 
verfällt heute in erster Linie der Prostitution. 
Schauen wir einmal in die Statistiken der Prostitution unserer 
Großstädte hinein. 
Eine Statistik über die Berliner Prostituierten aus dem Jahre 
1878! erstreckt sich über 2224 Prostituierte. Von diesen waren 35,7 
Prozent Dienende, 16 Proz. Fabrikarbeiterinnen, 42 Proz. An 
gestellte. in der Hausindustrie und in Ladengeschäften, 6,3 Proz. 
Aufwärterinnen in Verkaufslokalen, Kellnerinnen. 
Wir besitzen drei Erhebungen über die frühere Berufsstellung 
der Berliner Prostituierten, und zwar nuS den Jahren 1855, 1873 
und 1898. „Danach waren," schreibt Dr. A. Blaschko in seiner treff 
lichen Arbeit: „Hygiene der Prostitution" im „Handbuch der 
Hygiene", „von 296 Prostituierten, die 1855 neu unter Kontrolle 
traten, geborene Berlinerinnen. 241; dem Berufe nach waren vor 
Ausübung der Prostitution gewesen: 
Fabrikarbeiterinnen 73 
Näherinnen, Wäscherinnen, Plätterinnen 16 also in d. Jndu 
Handarbeiterinnen 28 sine erwerbstätig 1 -> Io 
Hausarbeiterinnen 32 
Dienstmädchen 22 7,1 „ 
ohne Angabe des ursprünglichen Berufs 70 22,9 „ 
Eine sehr lehrreiche Berliner Prostitutionsstatistik verdank! 
Dr. Stillich der Frau Regierungsrat Dr. Martha Marquardt. Nach 
dieser Statistik kamen von März 1900 bis März 1901 im ganzen 
1689 Personen unter die sittenpolizeiliche Kontrolle, und zwar: 
379 Dienstmädchen (inkl. 36 Aufwärterinnen und 6 Köchinnen), 
300 Arbeiterinnen, ehemalige Dienstmädchen, 176 Näherinnen, ehe 
malige Dienstmädchen, 171 Kellnerinnen, ehemalige Dienstmädchen, 
zusammen 1026 Dienstmädchen, und 663 Mädchen ans anderen Be 
rufen. 
„Danach waren, so schreibt Dr. Stillich, 60 Proz. der in einem 
Jahre in Berlin unter die Kontrolle der Sittenpolizei gekommenen 
Mädchen direkt oder indirekt Dienstmädchen."
	        
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