202 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft.
religiösen Erscheinungen eine einheitliche Grundhaltung, etwa der Sinn
für das Heilige, zu suchen ist, darf seit Ottos: Untersuchung ‚als sicher-
gestellt gelten. In entsprechender Weise sind alle Erscheinungen’ der
Kunst von den primitivsten Stämmen an, unter Ausschluß freilich ge-
wisser Erscheinungen wie der Krigeleien als bloßer Spielprodukte, auf
eine einheitliche ästhetische Grundhaltung zurückzuführen‘). Daß
diese sich aber überall als derjenige Sinn für das Schöne auswirke, der
aus unserer klassischen Kunst zu uns spricht, würde angesichts des
yänzlich abweichenden Charakters anderer Kunstprovinzen wiederum
eine irrige Vorstellung sein. Ebenso ist im Gebiete der Intelligenz von
einer Konstanz der legten Kategorien für unsere Auffassung der Dinge
zu sprechen. Man muß freilich auch hier unterscheiden zwischen histo-
rischen und natürlichen oder ursprünglichen Kategorien. Diejenigen
Kategorien, in denen sich die mechanistische Denkweise der modernen
westeuropäischen Welt bewegt, bilden nicht, wie es noch Kant für selbst-
verständlich voraussegte, ein allgemein menschliches Apriori, sondern
haben historischen Charakter; aber sie sind besondere Ausprägungen
allgemeiner Denkformen, die als solche dem Menschen schlechtweg
eigen sind. Gewiß ist z. B. der mechanistische Kausalbegriff nicht, wie
Kant annahm, der einzige mögliche und daher überall vorhandene Kau-
salbegriff. Vielmehr kennen andere Zeitalter neben ihm oder vielleicht
ausschließlich an seiner Stelle den mythologischen Kausalbegriff, der
alles Geschehen auf das Walten freier Persönlichkeiten zurückführt.
Beides aber sind nur historische Formen der Kausalvorstellung. All-
gemein menschlich und damit ursprüngliche Anlage ist nur die Vor-
stellung einer Ursache überhaupt für alles Geschehen. — Entsprechendes
gilt endlich auch für die menschliche Wahrnehmungstätigkeit. Das einzige
allgemein Menschliche an ihr sind einerseits die Qualitäten der Sinnes-
empfindungen und anderseits die Kategorie des Gegenstandes als der
Einheit, zu der die Eindrücke jedesmal gestaltet werden. Welche Ein-
heiten aber entstehen und wie die Gegenstände erscheinen und sich ab-
grenzen, ist wiederum historisch bestimmt. Welche Eindrücke überhaupt
ausgewählt werden für die Zusammenfassung zu Gegenständen, wie die
Komplexe begrenzt werden (ob z. B. die Waffe als ein selbständiger
Gegenstand oder nur als ein Teil seines Besigers aufgefaßt wird) und
wie umgekehrt die Komplexe in engere Einheiten aufgelöst werden —
alles das ist von Volk zu Volk verschieden. — Ebenso können wir
unsere Art, in der Auffassung zwischen lebenden und toten Gegen-
ständen. zwischen beseelten und unbeseelten zu unterscheiden, nicht für
1). Vgl. meine Abhandlung über die Prinzipienfragen der ethnologischen Kunst-
forschung in der Zeitschrift für Ästhetik und Kunstwissenschaft. 1925.