166 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
zu zeigen, was die dramatische Romantik der beiden führenden
Nationen des zentralen Europas voneinander unterschied und
was ihr gemeinsam war.
Grillparzer ist vom Ende des zweiten bis zum Beginn
des vierten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts am fruchtbarsten
gewesen: 1817 wurde die „Ahnfrau“ aufgeführt, 1818,Sappho“,
1821 die Trilogie des goldenen Vlieses, 1825 „König Ottokars
Glück und Ende“, 1828 „Ein treuer Diener seines Herrn“,
1831 „Des Meeres und der Liebe Wellen“, 1834 „Der Traum
ein Leben“. Es ist eine Folge von Schöpfungen, die zugleich
den Interessenkreis des Dichters seinem Inhalte nach übersehen
lassen. Man bemerkt, wie die Antike noch überwiegt, wenn ihr
auch gern dem Romantischen sich nähernde Stoffe entnommen
werden; reine subjektive Romantik ist selten; auf dem Boden
einer mehr objektiven Romantik findet eine Entwicklung vom
gruselnden Sagenstoff bis zu historischen Vorwürfen statt. Je
mehr aber die dramatischen Stoffe historisch werden, um so
deutlicher zeigen sie sich auch auf Osterreich begrenzt: dem Land
zwischen Alpen und Böhmerwald und Sudeten, der Stadt an
der blauen Donau gehörte des Dichters Herz. Und noch heute
mag jemand es als eine besondere Gunst des Schicksals be⸗—
trachten, Grillparzers Werke in Wien zu hören; denn nirgends
stimmen noch heute für deren Welt Bühne und Zuschauer so
wohl zusammen wie hier: es ist, als ob des Dichters Gestalt,
wie sie in dem Denkmale des Wiener Volksgartens verewigt
ist, bei ihrer Aufführung durch die Säle schritte: und in die
Herzen der Bewunderer des im Leben so vielfach Verbitterten
senkt sich die Gewißheit, daß er lebe: denn seine Werke folgen
ihm nach.
Noch einem anderen, wenn auch minder großen Wiener
Dramatiker der dreißiger und vierziger Jahre kann dies schönste
Los des Dichters nachgerühmt werden: Raimund. Ist Grill⸗
parzer immerhin noch österreichisch, so ist Raimund speziell
wienerisch; fast nur auf dem Boden dieser entscheidenden Stätte
seines Wirkens kann er verstanden werden. Gleich dem späteren
Anzengruber war er Schauspieler, und aus seinem Berufe her.—