IV. Das Jch als Masssenteilchen
uns her, vorbereitet hatte, davon hatte das zeitunglesende Ich in
Deutschland, trotz ungezählter Telegramme ,zvon unserm Spezial-
Korrespondenten“ keine Ahnung, und das Märchen von dem Kaiser,
um den uns das Ausland angeblich beneiden sollte, ist von Millionen
Deutschen bis unmittelbar vor dem Krieg ehrlich geglaubt worden.
Woran hat diese Unzulänglichkeit gelegen? Einmal daran, daß die
deutsche Zeitung den Auslandsdienst nicht als einen Teil der aus-
wärtigen Reichspolitik, sondern als einen Teil des innern Geschäfts
behandelte. Was „,,die Konkurrenz““ brachte, mußte man auch
bringen. Und womöglich noch ein bißchen mehr. Da die Sache aber
„jbillig““ sein sollte, so wurde sie „schlecht“. Dem schlecht bezahlten
und abgehetzten Auslandsvertreter einer deutschen Zeitung blieb
nichts anderes übrig, als den ganzen Tag über die Nase in den
fremden Zeitungen zu haben, um seinen heimischen Auftraggeber
zufriedenzustellen; denn sonst kamen die Anfragen: warum haben
wir das nicht?, warum haben wir jenes nicht? „„Die Konkurrenz“
hat es docht ~ So bestand der Auslandsdienst der deutschen
Zeitung zu gut 90 0/0 aus fremder Zeitungsliteratur! Eigenes poli-
tisches Urteil ~ wo hätte es herkommen sollen?
Zu beobachten, was um ihn her vorging, hatte der vielgeplagte
deutsche Auslandsvertreter keine Zeit. Sich in die fremde Welt um
ihn herum einzuleben und auf diese Weise mit den Absichten und
Meinungen des fremden Volkes vertraut zu werden, fehlte ihm das
Geld. Und dann: es hätte ja auch gar keinen Zweck gehabt! Wie
man im deutschen Auswärtigen Amt nur hören wollte, was zu den
eigenen vorgefaßten Meinungen stimmte, so wollten die deutschen
Zeitungen nur haben, was in ihre „Richtung“ paßte. Man war
entweder „greichstreu“’ oder man war „,Reichsfeind‘s. Nach diesem
Schema ~ es gab natürlich auch noch allerlei Zwischenstufen ~
wurde die auswärtige Politik zurechtgeknetet. Entweder man glaubte
daran, daß wir „herrlichen Tagen entgegengeführt‘“ würden, und
dann stellte man die Auslandsvertretung in den Dienst dieses
Glaubens; oder man machte alles, was von Reichs wegen geschah,
grundspottschlecht, und dann mußte auch der Auslandsdienst der
Zeitung bei diesem Geschäft mithelfen.
Der Auslandsdienst der deutschen Zeitung konnte „,billig und
schlecht“ sein, weil er nicht dem Bedürfnis einer einheitlichen
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