Full text: Das Ich und der Staat

IL. Das Jch in staatlicher Erziehung 
des Volkstums. Wozu freilich gehört, daß die Einwirkungen fremden 
Volkstums, durch seine ihm eigentümliche Kunst, nicht verschwiegen 
werden. 
Man sagt wohl, die Kunst sei international. Das ist Unsinn. 
Jede echte Kunst ist unmittelbare Lebensäußerung eines in sich be- 
ruhenden Volkstums. Da es aber die Kunst nicht mit den harten 
Tatsachen der Politik oder der Wirtschaft, sondern mit freien 
Schöpfungen der Phantasie zu tun hat, so steht ein Volk den 
künstlerischen Erzeugnissen eines andern Volkes durchweg vorurteils- 
freier gegenüber als allen seinen andern Lebensäußerungen. Und 
die Möglichkeit der Einwirkung eines Volkstums auf ein anderes 
ist nirgends größer, als auf dem Gebiete der Kunst. Am wenigsten 
gehemmt ist die Einwirkung da, wo sie unabhängig vom völkischen 
Verkehrsmittel der Sprache ist, und am meisten internationalen 
Charakter hat daher die Kunst, die allein durchs Ohr aufgenommen 
wird, die reine Musik. 
Geschichtlich gesehen bekundet sich die Möglichkeit stärkerer Ein- 
wirkung, über die hemmenden Schranken des Volkstums hinweg, 
in der tiefen Abhängigkeit neuerer Kunstäußerungen von denen der 
Vergangenheit, ohne Unterschied der Volkszugehörigkeit. Die Kunst 
aller lebenden Kulturvölker ist in weitestem Umfang abhängig von 
der Kunst der Griechen. Hier ist daher der Ort, wo für die Bildung 
eines deutschen Ichs das nutzbar gemacht werden muß, was man 
einmal, als klassische oder humanistische Bildung, für allein men- 
schenwürdig hielt. Die unvergänglichen Werte, die das Hellenentum 
der Menschheit hinterlassen hat ~ im Rahmen einer umfassenden 
Kunstbetrachtung sind sie, so gut es sich an Hand von Übersetzungen 
und Abbildungen schicken will, dem deutschen Ich zugänglich zu 
machen. 
Wohl wär’s schön, wenn wir die deutschen Jungen, soweit sie 
dafür begabt sind, auch gleich in die Schönheiten der griechischen 
Sprache einführen könnten. Aber es wäre noch manches schön, was 
der Unterricht sich wird versagen müssen, wenn er das Bildungsziel 
erreichen will, das dem Hellenen mit Recht als allein menschen- 
würdiz vorschwebte: ein in sich ausgeglichenes Ich, das den Auf- 
gaben, die das Leben in der Volks- und Staatsgemeinschaft seiner 
Zeit ihm stellt, gewachsen ist. 
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