S Quellenkunde
stand unserer wissenschaftlichen Erkenntnis vielleicht in
mancherlei abgeleiteten Formen in gelehrten Darstellungen
und Abhandlungen finden, nachdem er schon durch viele
Hände hindurchgegangen ist. Er wird sich uns dort aber
nur mehr oder minder in veränderter Gestalt und mit
allerlei Zutaten behaftet zeigen, von denen er sich auf einem
längeren Wege nie ganz frei halten kann. Die ungetrübte
Frische und Fülle behält unser Material gewöhnlich nur an
seinem ursprünglichen Fundort. Dorthin müssen wir daher
vorzudringen suchen, um wirklich aus der Quelle der Wis-
senschaften zu schöpfen. Erst wo der Weg dahin voll-
ständig verschlossen und unzugänglich ist, kann uns das
Material aus zweiter, dritter, vierter Hand als Notbehelf
dienen. Wenn man diesen Notbehelf als „abgeleitete Quelle“
im weiteren Sinne bezeichnet, so soll er doch durchaus
nicht der eigentlichen Quelle gleichgestellt werden: er bleibt
ein abgeleiteter Kanal, vertritt aber die Stelle der Quelle,
solange diese völlig unzugänglich ist. Je weiter wir uns
aber damit von dem ursprünglichen Fundort entfernen,
desto weniger kann von wissenschaftlichen Quellen und
quellenmäßiger Erkenntnis bei unserer Arbeit die Rede sein.
H. Schrörs bemerkt zu diesen Ausführungen, daß der Begriff der
„wissenschaftlichen Quelle“ „in Bezug auf die zu erkennende Sache, nicht
in Bezug auf das erkennende Subjekt gefaßt werden“ müsse, wie es
von mir geschehe. „Nicht jeder ‚Fundort‘, auch nicht jeder ‚ursprüng-
liche Fundort‘, sondern nur jenes Medium, das objektiv die unmittel
barste Erkenntnis gestattet, kann Quelle sein“ (Deutsche Ltztg. 29
[1908] 3083).
In der Sache stimme ich meinem verehrten Kritiker vollkommen
bei. Nur glaube ich, daß die Beziehung des ursprünglichen Fundortes
auf das erkennende Subjekt, und nicht auf die zu erkennende Sache,
in meinen Worten nicht enthalten ist. Der ursprüngliche Fundort, wo
objektiv die zu erkennende Sache in ursprünglicher Reinheit und ohne
Zutat zu finden ist wie das Wasser in der Quelle, ist eben „jenes
Medium, das objektiv die unmittelbarste Erkenntnis gestatiet“,
Ebenso bin ich vollkommen damit einverstanden, daß „eine .ab-
geleitete Quelle‘ keine Quelle ist, wenn die ursprüngliche zugänglich
ist“, meine aber auch dies ausdrücklich schon in der ersten Auflapye
betont zu haben; in der obigen Fassung tritt es noch deutlicher hervor.
Es folgt daraus keineswegs, daß jede wissenschafiliche Bearbeitung
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