34 Zweck und Bedeutung der seminaristischen Bildungsweise
Richtige in dieser letzten Bemerkung dürfte wohl nur
darin liegen, daß in den modernen Seminaren entsprechend
dem Fortschritt der wissenschaftlichen Methode, namentlich
in quellen- und textkritischer Beziehung, mehr Anleitung
zum eigentlichen Forschen und Verarbeiten des aus den
Quellen gesammelten Materials geboten wird, Aus unseren
früheren Ausführungen geht aber zur Genüge hervor, daß
die alte Schule außer den Disputationen noch eine Reihe
anderer Übungen kannte, die mit den heutigen Seminaren
weit enger verwandt sind, und daß es bei diesen sich
durchaus nicht bloß um Einübung des überlieferten Wis-
sens handelte, sondern ebensosehr um anregende und för-
dernde Anleitung zu eigener produktiver Tätigkeit. Außer-
dem ist zu beachten, daß zur „Erzeugung des Wissens“
auch noch ein Doppeltes gehört: eben jene Aneignung des
Überlieferten und eine methodische Ausbildung der intel-
lektuellen Fähigkeiten. Für beides war aber einst vielleicht
besser gesorgt als jetzt.
9. „Die Seminare“, sagt Paulsen weiter, „sind die
eigentlichen Pflanzschulen der wissenschaftlichen Forschung.
Entstanden sind sie allerdings zunächst in anderer Absicht;
die ersten Seminare, die im vorigen Jahrhundert zu Halle
und Göttingen gegründet wurden [ähnlich wie die schon
im 16. Jahrhundert blühenden philologischen Seminare der
alten Schule], waren oder sollten eigentlich pädagogische
Seminare für künftige Lehrer der Gelehrtenschulen sein.
Tatsächlich waren sie, namentlich das Seminar F. A. Wollfs,
in erster Linie Anstalten, in denen die Technik der philo-
logischen Forschung gelehrt wurde; und noch mehr gilt
dies von den philologischen Seminaren und Gesellschaften,
die im 19. Jahrhundert von Gottfried Hermann, Friedrich
Wilhelm Thiersch, Friedrich Wilhelm Ritschl u. a. geleitet
wurden: sie waren Philologen-, nicht Lehrerschulen. Und
dasselbe gilt auch von den zahlreicher Seminaren, die in
neuerer Zeit für die übrigen Wissenschaften innerhalb der
philosophischen Fakultät und auch in der theologischen
und juristischen Fakultät entstanden sind: sie setzen sich,