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deutete und die Gesellschaft von unbrauchbarem Ballast zu befreien
trachtete. In Rom wurden eigens Krüppelmärkte veranstaltet und die
Krüppel dann von den Käufern zum Betteln mißbraucht, wenn man
nicht gar soweit ging, gesunde Kinder mit Absicht zu verkrüppeln, um
sie aus reiner Erwerbsgier zum berufsmäßigen Betteln besser ver-
wenden zu können (vgl. Zeitschrift für Krüppelfürsorge, XI. Heft, S. 10).
Auch die vorhandenen Berichte aus dem Judentum wissen immer
wieder davon zu erzählen, daß an verkehrsreichen Punkten die Krüp-
pel aufgestellt wurden, um dem Bettel zu dienen.
Das christliche Altertum und Mittelalter gingen mit ihrer Für-
sorge ebenso achtlos an den Krüppeln vorüber. Es ist das umso mehr
zu verwundern, als gerade in dieser Periode eine Unzahl fürssorgeri-
scher Einrichtungen geschaffen wurden, so daß Schäfer (Leitfaden der
Inneren Mission, 1914, S. 43) geradezu von einer „fast verwirrenden
Vielheit und Vielartigkeit“ derselben sprechen kann und Uhlhorn in
seiner „Geschichte der christlichen Liebestätigkeit“, 1884, 11, S. 122
direkt schreibt: „Keine Zeit hat für die Armen soviel getan wie das
Mittelalter und. das nicht bloß durch Almosen und Stiftungen, sondern
durch aufopfernde persönliche Hingabe im Dienste der Armen und
Elenden, die man dem Mittelalter vor anderen Zeiten nachrühmen
muß.“ Die Krüppel hat man offenbar nicht zu diesen Armen und
Elenden gerechnet. Im Gegenteil, man sette sie dem allgemeinen Spott
aus und benutzte sie als „komische Figuren“ für schaustellerische Zwecke.
Dem mannigfachen Spott gegenüber war der Krüppel innerlich natür-
lich voller Wut, verfügte jedoch nicht über das Durchschnittsmaß physi-
scher Kraft, so daß er zumeist sich nicht dagegen zu wehren vermochte.
Für seine geistige Einstellung ergab sich daraus nur zu leicht eine
innere Verärgerung und Widerspenstigkeit, das Gefühl, ein „Außen-
seiter“ der menschlichen Gesellschaft zu sein, mit deren Mitgliedern er
infolgedessen vielfach a priori auf Kriegsfuß stand. Anderseits führte
diese Einstellung des Krüppels für die Beurteilung in der öffentlichen
Meinung dazu, daß man im Krüppel von vornherein einen Menschen
sah, der von Gott gekennzeichnet war, der nicht viel taugte und dem
man mit einer gewissen Skepsis entgegentreten mußte. Nur daraus
können wir es verstehen, wenn der Krüppel sogar im Recht (Erbun-
fähigkeit !) benachteiligt wurde. Selbst der mächtige Aufschwung, den
1) Vergl. Sachsenspiegel, Ausgabe von Prof. Weiske, Reisland, Leipzig
1919, Art. 4, S. 16/17.
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scheinlich um eine beschränkte Erbfähigktkeit.