thumbs: Das Ich und der Staat

t IV. Das Jch als Masssenteilchen 
Volkstum leidenschaftlich zu verlieben imstande sind, während sie 
das eigene verachten, oder Eunuchen, denen mit der Fähigkeit 
leidenschaftlich zu lieben auch die Fähigkeit zum Hassen abhanden 
gekommen ist, darf der Staat sich dabei freilich nicht beraten lassen. 
Die Festigkeit und Widerstandsfähigkeit des Volksstaates beruht 
darauf, in wie hohem Grade die Gesamtheit der Ichs im Staate 
sich, jedem fremden Staat gegenüber, als Masse zu fühlen imstande 
ist. Wenn man sagt, ein Volk erhob sich „wie ein Mann““ ~ wie 
es das preußische 1813 tat oder das deutsche 1914 — so bedeutet 
das, daß die Massenbildung bis an die Grenzen des Staatswesens 
vollklommen durchgeführt war: die Kräfte der Anziehung und der 
Abstoßung sind in all den Millionen des Volkes, auf Zeit wenigstens, 
gleichgerichtet. Damit ist solch eine unhandliche Riesenmasse noch 
nicht handlungsfähig. Damit sie handlungsfähig werde und vor 
allem, damit sie handlungsfähig bleibe, bedarf sie eines Organs, 
das für seine besondern Zwecke ausgebildet ist und in seine besondern 
Zwecke hineinwachsen muß. Dies Organ, das die Gesamtmasse eines 
Volkes handlungsfähig macht und handlungsfähig erhält, ist eben 
der Staat, den dies Volk sich geschaffen hat. 
Die kleineren Massen, die innerhalb des Staatsganzen miteinander 
und gegeneinander arbeiten und den Rohstoff des öffentlichen Lebens 
abgeben, bedürfen, um handlungsfähig zu werden und zu bleiben, 
gleichfalls besonderer Organe. Es ist ein Unterschied, ob eine Masse 
sich zu einem vorübergehenden Zweck zusammenfindet ~ etwa um 
einem mißliebigen Stadtvater die Fenster einzuwerfen ~ und dann 
auseinanderläuft, oder ob sie sich dauernd in bezug auf die öffent- 
lichen Angelegenheiten von einem bestimmten Willen beseelt fühlt. 
Eine Masse, die fühlt, daß sie für die Dauer zusammengehört, 
schafft sich, um handlungsfähig zu werden und zu bleiben, ihr 
eigenes Organ, indem sie zur Partei wird. Eine Partei aber kann 
ihre Massen nicht zusammenhalten, ohne daß sie den Willen, der 
sie beseelt, täglich von neuem zum Bewußtsein seiner selbst bringt. 
Dazu bedarf die Masse eines besonderen Denkorgans, das ihr 
entweder die Partei oder sonst ein Unternehmer schaffen mußt: der 
Zeitung. 
Zeitungen und Parteien sind, im Staate der Gegenwart, die 
N 4
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.