Object: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

204 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [662 
sich frei entwickeln zu lassen und doch die Raub- und Habsucht der pfiffigen und 
wucherischen Geldmacher zu bändigen. 
Wir stehen vor demselben Gegensatze, wenn wir nun neben das positive Recht 
und seine Geschichte die Entwickelung der philosophischen und wirtschaftstheoretischen 
Begründung des Zinsennehmens und der Kapitalrente stellen. 
190. Die theoretischen Begründungen der Wucherlehre und der 
Kapitalrente. Die ersten Versuche einer theoretisch-philosophischen Begründung der 
Ablehnung oder Zustimmung zu dem Institut des Gelddarlehens und der Zinsen sind 
recht äußerlicher und naiver Art. Bei Aristoteles beruht die Verurteilung des Zinses 
vom Geldleihkapital auf einer naturwissenschaftlichen Analogie: vom gepachteten Acker 
kann ich einen Zins geben, weil er Früchte giebt, das Geld aber ist unfruchtbar, also ist 
der Zins naturwidrig. Thomas von Aquino lehrt, daß die Zeit Gemeingut aller 
sei, und daß man deshalb für eine Rückzahlung derselben Summe nach einer gewissen 
Zeit kein Entgelt fordern dürfe. Außerdem findet er es in der Natur des Geldes und 
Betreides begründet, daß sie mit dem einmaligen Gebrauch auch verbraucht werden; 
wer an ihnen den Gebrauch übertrage, übertrage das Eigentum, das Recht des Ver— 
brauches und könne sich nicht dieses (in der Kapitalrückzahlung) und den Gebrauch (im 
Zins) besonders bezahlen lassen; es gebe an solchen Gütern keine selbständige Nutzung, 
also gerechter Weise auch keinen Preis dafür. Diese Argumente spielen bis ins 
17. Jahrhundert die Hauptrolle; daneben etwa noch der Satz, daß in allen Verträgen 
Leistung und Gegenleistung gleich sein follen; diese Gleichheit werde durch eine Zins— 
zahlung aufgehoben, wobei freilich übersehen ist, daß der heutige Empfang von 
100 Mark und die Rückzahlung in einem Jahre nicht gleichwertig fei, was zuerst 
Baliani bemerkte. 
Die Erörterungen der Kanonisten über bestimmte Fälle, in denen der Zins erlaubt 
sei, gehen in der Hauptsache von dem sogenannten damnum emergens und lucrum cessans 
des Gläubigers aus: wer Kapital zeitweise hingiebt, erleidet einen Schaden, verzichtet 
auf einen Gewinn, sofern er damit gewinnbringende Geschäfte hätte machen können. Das 
wird dann von Calvin und Molingeus im 16. Jahrhundert, von Salmasius und seinen 
Nachfolgern im 17. näher ausgeführt; auch Turgot und Bentham sagen im Grunde 
nichts anderes als: das Geldkapital ist produktiv, weil man Gewinn damit machen, 
Grundstücke dafür kaufen kann, die Rente geben. 
Mit den Physiokraten und Adam Smith stellt sich das Problem insofern 
auf einen breiteren Boden, als der Leihzins vom Geldkapital nunmehr in den theoretischen 
Vorstellungen zu einer Unterart der Kapitalrente überhaupt wird. Das Kapital giebt 
für gewöhnlich eine Rente, ob es im eigenen Geschäft verwandt oder ausgeliehen wird. 
Beides, sagt man, muß eine einheitliche Ursache haben; der Leihzins vom ausgeliehenen 
Geldkapital erscheint gerechtfertigt, wenn es die Kapitalrente überhaupt ist. 
Ich bemerke, daß ich vom Unternehmergewinn weiter unten im Kapitel über die 
Einkommensverteilung rede, er schließt die Kapitalrente für das eigene Kapital des Unter— 
nehmers in sich. Hier haben wir es nur mit der reinen Kapitalrente zu thun, die im 
bedungenen Leihzins, wie als Teil des Unternehmergewinnes auftritt. 
Böhm-Bawerk hat die seit Ad. Smith über die Berechtigung der Kapitalrente 
aufgestellten Theorien neuerdings unter die vier Kategorien gebracht: Produktivitäts-, 
Nutzungs⸗, Enthaltungs- und Ausbeutungstheorien. Wir folgen seinen scharfsinnigen 
Erörterungen. 
Die naive Produktivitätstheorie (J. B. Say, Roscher) sagt, das Kapital 
leistet Dienste, also muß es seinem Eigentümer eine Rente geben; das Kapital ist pro— 
duktiv, schafft mehr Güler, mehr Wert. Aber, kann man einwerfen, aus der Thatsache, 
daß das Kapital technisch und naturgesetzlich die Produktion fördert, ist nicht erklärt, 
warum im Bruttoertrag über die Produktionskosten hinaus ein Mehrwert herauskommt; 
wir bezahlen auch die Sonne nicht, so sehr sie unsere Ernten fordert. 
Die motivierte Produktivitätstheorie (Lauderdale) lehrt: Das Kapital 
ersetzt Arbeit und leistet Arbeit, die der Mensch gar nicht verrichten könnte. Malthus
	        
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