Object: Geburtenrückgang u. Sozialreform

186 SHite, SGehurtenrüdgang und Soztalreform 
Hat wohl Feiner behauptet. Daß die Kindesliebe mit der Zahl der Kinder 
und damit die Sorge und Pflege abnimmt, entfpridht aud) nicht der 
Natur der Mütterlichkeit und der Erfahrung. AUnderfeits weiß aber jeder Arzt, 
daß bei einem oder hei zwei Kindern die Überzärtlichteit und »forge viel 
Schaden {tiftet. Wohl kann bittere Not und Wohnungselend und Nahrungs 
mangel infolge einer großen Rinderzahl die Sterblichkeit erhöhen, aber das 
Hit bei den Erwerbsverhältnifjjen, mie wir fie in Deutjhland hatten und 
Hoffentlich auch wieder erhalten werden, die Ausnahme und kann und fol 
durch die Sffentlide Fürforge eine Ausgleidhung finden. Was aber vor 
allem in die Wagichale fällt: Dieje ärm {ten Volkskreife jind es 
nicht, welde an dem Rüdgang des GeburtenüberfhuffeS beteiligt find, 
jondern jene, die fehr wohl noch mehr Kinder zu ernähren und zu etziehen 
in der Lage find. Bedeutjamer ift, daß bei [Anell folgenden Wocdhenbetten 
die GefundhHeit der Mutter ftark angegriffen und dauernd ge[hwächt werden 
fann, was natürlich für die Kinder nicht ohne Folgen bleiben wird. AWber 
das befte Mittel, um dieje [Hnelle Aufeinanderfolge der Geburten zu ver- 
Hüten, ift das Selbftftillen. Mit Recht macht Frl. Dr. Baum darauf aufmerk- 
jam und belegt e8 mit Zahlen, daß, wenn bei größerer Kinderzahl die 
Sterblidhtfeit wächft, diefeS eben nicht in diefer Zahl, fondern meijtens 
darin feinen Grund Hat, daß dieje Mütter nicht {tillen. Auch Profejjor 
Dr. Koeppe vermehrt die Belege von Dr. Baum zum Erweiz, daß es [ich 
hier durchaus nicht etva um ein biologijhes Gefeg handelt. Nach den an- 
geführten Zahlen ergibt fidh, daß gerade das erfte Kind am meilten ge- 
Tährdet ijt, daß das vierte die beften Ausfichten hat und eine Gefährdung 
hHöchjtens erft mit dem achten oder neunten Kinde beginnt. „Auch die 
Erfahrung der Praxis und des täglidhen Leben? liefert reidhlid Beifpiele, 
daß die lektgeborenen Kinder in Hnderreichen Familien die größten und 
“Hönften find.“2) 
XX, Sonitige Maßnahmen der Sozialpolitik und Wirtiehaftspolitit 
Die ganze deutjcdhe Sozialpolitik dient, wie dem Schube der perjönlichen 
Büter, fo doch vor allem auch dem der Familie. Unfere Arbeiterfhuß- 
gefebgebung: der Schuß von SGefundhHeit und Sittlichkeit im Betrieb, die 
Bejchränkung der BejdghHäftigung von Frauen und Kindern, die Begrenzung 
der Arbeitszeit, die Sicherung der Sonntagsruhe ufw. kommen gewiß 
auch dem ganzen Familienleben zugute. Cbenfo hat die Arbeiterverjidherung 
vor allem den Zweck, die geordnete Fortführung des Familienleben? auch 
in den Tagen der Erkrankung, bei vorzeitiger Ynvalidität oder frühem 
Tode des Ernährers zu gewährleiften. Noch widhtiger it ein ausreichender 
Mrbeitsverdienft in den normalen Lebenslagen und eine würdige und kraft- 
NEngel-Baum 166. — Koeppe, Säuglingsfterblidleit und Geburten» 
‚ter 1918, 381. — Dr. Fran au& in Würzburger Abhandlungen, 1916, Heft 4, S. 99.
	        
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