Wertmaßstäbe der Konsumtion.
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§ 4
können: Bedürfnisstärke und Kosten der Befriedigung. Wir können danach mit
Patten 1 ) zwischen einer natürlichen und einer wirtschaftlichen
Rangordnung der Bedürfnisse unterscheiden. Die natürliche Rang
ordnung können wir uns an dem Beispiel einer reichlich besetzten Büffettafel veran
schaulichen, die ein Gastgeber seinen wählerischen Gästen zur Verfügung stellt.
Diese werden, unter Ausschaltung des wirtschaftlichen Gesichtspunktes, nur ihren
Gaumen über die Reihenfolge und Abmessung der Konsumtionsquanten entscheiden
lassen. Derselbe Fall liegt vor, wenn ein gewerbsmäßiger Gastwirt ein solches Büffet
seinen Kunden gegen pauschale Bezahlung des Couverts zur Verfügung stellt. Da
gegen bei Sonderberechnung der verzehrten Werte für den einzelnen Gast würde
eine wesentlich andere, „wirtschaftliche“ Rangordnung der zum Konsum gewählten
Speisen resultieren, mit scheuer Vermeidung der kostspieligen Delikatessen, und mit
der volkswirtschaftlich erwünschten Wirkung, die knapp verfügbaren Speisen zu
schonen, und sie (bei gleich verteilter Zahlungsfähigkeit) denjenigen Konsumenten
vorzubehalten, die nach ihrer individuellen Geschmacksrichtung von ihnen die
größte Befriedigung erwarten. Im geschichtlichen Verlaufe wird daher eine Preis
verschiebung, wie beispielsweise die bedeutende Verbilligung eines so begehrens
werten Guts wie Zucker, die Rangordnung der Bedürfnisse revolutionieren können.
Die jeweilig privatwirtschaftlich rationelle, und bei gleicher Einkommensver
teilung auch volkswirtschaftlich zweckmäßige Konsumtion wird demnach einerseits
durch ,den jeweiligen Stand der individuellen Bedürfnisse (mit Einschluß der Zu
kunftsbedürfnisse) und durch den Grad ihrer augenblicklich schon erreichten Be
friedigung, andererseits durch die jeweiligen Kosten der Güter bestimmt werden,
und diese Rangordnung wird bei wirtschaftlichem Verhalten der Konsumenten
und bei genügender Erkenntnis des eigenen wirtschaftlichen Interesses sich in jeder
Einzelwirtschaft auch tatsächlich durchsetzen.
Diese vom wirtschaftlichen Gesichtspunkt gegebene Antwort ist indessen nur
formal, und läßt die konkrete Frage nach der Rangordnung der Bedürfnisse und
Güter offen. Diese Frage ist aber, wenn überhaupt, nur im Rahmen einer allgemei
neren Erörterung über die Bedeutung der Konsumtion für den Menschen zu beant
worten.
§ 4. Wertmaßstäbe der Konsumtion.
Eine verbreitete Auffassung sieht in der durch die Jahrhunderte steigenden
Produktivität der Volkswirtschaft und in der ihr entsprechenden Zunahme der Kon
sumtion eine in ebenso gerader Linie ansteigende Verbesserung der Wohlfahrt des
Konsumenten, einen Anlaß zu freudiger Beglückwünschung. Rekordziffern aller-
wärts! Der heutige Konsument steht nach dieser Deutung turmhoch über seinen
Vorfahren, 1. weil er viel mehr Gebrauchswerte konsumiere, und 2. weil er den
nach Deckung des Existenzbedarfs ihm zur Verfügung bleibenden Verbrauch ent
behrlicherer Güter viel mannigfaltiger und freier wählen könne. Der geschichtliche
Tatbestand ist nicht so einfach und nicht so schlechthin befriedigend, wie dieser
mechanische Jubiläumsmaßstab vermuten läßt.
I. Das ursprüngliche Motiv der Konsumtion ist die Stillung des Hungers und
anderer Bedürfnisse, und die Erzielung des mit ihr verbundenen subjektiven Lust
gefühls. Dieses natürliche Motiv fehlt selbstverständlich in keiner Geschichtsperiode
und bei keinem normalen Menschen; aber während es auf animalischer Kulturstufe
einen Hauptteil des Lebensinhalts füllt, verliert es bei höherer Kultur, die den Men
schen einem ethischen Zwecke unterwirft, den Charakter des Selbstzwecks mehr
oder weniger. Das Lebensziel etwa des mittelalterlichen Menschen wird bis zu ge
wissem Grade ein immaterielles, sittlich gebundenes, religiös gefärbtes; die landes
übliche Konsumtion wird Mittel zum Zweck, zur pflichtmäßigen Fristung des Lebens,
*) S. 18.