Gegenseitige Hilfsbereitschaft.
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Ort oder Stamm Neues an Liedern, Erzählungen und Nachrichten bringt,
bedeutet eine wohltuende Anregung, ebenso wie sie der Gast seinerseits
nach der Rückkehr den Seinen zu spenden vermag. Solange es keine
gewerbsmäßige Verpflegung von Fremden gibt, ist die Gastfreundschaft
das einzige Mittel zur Befriedigung dieses Bedürfnisses. Man könnte
freilich zweifeln, ob die Gastfreundschaft bei der Einfachheit der ein-
schlägigen Verhältnisse überhaupt ein Opfer fordert, oder ob sich nicht
vielmehr der Ring der gegenseitigen Förderung hier bereits im Einzel-
fall schließt. Deutlicher ausgeprägt ist unser Typus bei Fällen der folgen-
len Art. Auch an Stellen, die für gewöhnlich unbewohnt sind, kann
eine entsprechende Fürsorge walten. In gewissen Teilen Südamerikas
gibt es für die Eingeborenen bestimmte regelmäßig besuchte Rastpläte,
an denen der Ankommende Brennholz und vielfach auch kleine einfache
Schußhütten vorfindet. In den legteren trifft er teilweise auch getrock-
nete Maniokmehlpflanzen an, die (ähnlich wie das Brennholz) von den
vorbeiziehenden Reisenden für später kommende Stammesgenossen
deponiert werden und bei dem jedesmaligen Besuch von Reisenden
nach Möglichkeit ergänzt werden!). Im großen war ähnlich das mittel-
alterliche Handwerk auf dem Grundsatz aufgebaut: der einzelne Hand-
werker hilft sich selber, soweit er es mit seinen Kräften kann; über
diese Grenze hinaus aber springt die Zunft ein: ihr „obliegen alle
Tätigkeiten, die über die Kraft des Einzelnen hinausgehen, etwa die
Besorgung des notwendigen Rohstoffes im großen oder von weit her
oder die Organisation des Absages der Erzeugnisse über ein größeres
Gehiet*2\.
Aus Beispielen von der Art der zulett angeführten, deren Zahl sich
fast ins Unbegrenzte vermehren ließe, können wir induktiv einen all-
gemeinen Sag über die Grenze der gegenseitigen Hilfs-
bereitschaft ableiten: die Hilfe tritt normalerweise nur soweit in
Aktion, wie die Kräfte der unverbundenen Elemente für die Leistung
nicht ausreichen. Darüber hinaus aber bleiben die Elemente sich selbst
überlassen. Anders ausgedrückt zeigt sich die Hilfsbereitschaft nur, soweit
durch das Zusammenwirken eine Leistung verbessert oder erst ermöglicht
wird: soweit sie aber ohne sie erfolgen kann, bleibt die Hilfsbereitschaft
aus. Für die Bestellung des Bodens haben wir bereits oben auf
diesen Zusammenhang hingewiesen. Für den Konsum der Nahrungs-
mittel gilt typischerweise bei primitiven Stämmen die gleiche Regel: die
Ergebnisse der Jagd und meist auch des Fischfanges werden in der einen
oder anderen Art unter einen größeren Kreis von Sippen- oder Orts-
1) Max Schmidt, Ethnologische Volkswirtschaftslehre ., 81.
2) Werner Sombhart. Der moderne Kapitalismus I3. 193 u. 113. 74.