Full text: Theoretische Sozialökonomie

574 Kap. XIX. Die bestimmenden Faktoren der Konjunkturbewegungen. 
Ländern dürfte aber die Voraussetzung einer solchen Politik noch gänz- 
lich fehlen. 
882. Die Krisen. 
Warum kann die Hochkonjunktur, wenn die Bedingungen ihres 
Fortbestehens nicht länger vorhanden sind, nicht allmählich in die 
Depression übergehen, ungefähr wie sie sich selbst aus der Depression 
allmählich entwickelt? Die Erfahrung lehrt, daß dies nicht der Fall 
ist, daß die Hochkonjunktur vielmehr plötzlich abbricht, oft mit einer 
Katastrophe endet. Diese Katastrophe, die wir eine wirtschaftliche 
Krise nennen, ist wesentlich durch eine allgemeine Unfähigkeit, be- 
stehenden Zahlungsverpflichtungen nachzukommen, Charakterisiert. 
Ihre wohlbekannten Begleiterscheinungen sind große Verluste, Zwangs- 
verkäufe, abnorme Steigerung der Zahl und des Umfanges der Konkurse 
und ein allgemeines Mißtrauen. 
Diese Situation zeigt, daß das Unternehmertum sich doch in irgend- 
einem Punkte getäuscht haben muß, Berechnungen gemacht hat, die 
sich nunmehr als unrichtig erweisen. Wo liegt nun dieser Punkt? 
Nach einer sehr verbreiteten Anschauung soll die Krise als das 
Ergebnis einer Überproduktion zu betrachten sein. Es liege also eine 
Fehlberechnung der Nachfrage vor, eine Überschätzung der wirklichen 
Bedürfnisse der Gesellschaft. Es soll nun gewiß nicht geleugnet werden, 
daß solche Fehlberechnungen und Überschätzungen in jeder Hoch- 
konjunktur gewöhnlich mitspielen und die Krise noch verschärfen. Ganz 
besonders war dies bei den älteren Krisenformen der Fall, Bei den 
modernen Krisen handelt es sich aber nicht in erster Linie um eine 
Überproduktion in diesem Sinne. Da die Hochkonjunktur durch eine 
außerordentlich gesteigerte Produktion von festem Kapital gekenn- 
zeichnet ist, würde man die Überproduktion am ersten auf diesem Gebiete 
zu suchen haben. Es zeigt sich aber, wie oben nachgewiesn worden ist, 
daß die Dienste des festen Kapitals, die eben den Gegenstand der Nach- 
frage des konsumierenden Publikums bilden, in der Regel auch in der 
letzten Zeit der Hochkonjunktur keineswegs im Überfluß vorhanden 
sind, daß im Gegenteil das feste Kapital bis auf das äußerste ausgenutzt 
werden muß, um die Nachfrage zu befriedigen. Auch die Materialien 
des festen Kapitals. werden in der Hochkonjunktur nicht im Überfluß 
produziert. Die Hochkonjunktur zeigt im Gegenteil regelmäßig. eine 
unverkennbare Knappheit an diesen Materialien, eine- Knappheit, die 
speziell in den außerordentlich hohen Preisen dieser Materialien hervor- 
zutreten pflegt. Die Produktion von Eisen z. B. ist oft bis in die Krise, 
vielleicht für noch längere Zeit, verkauft. Von einer Überproduktion 
von Materialien des festen Kapitals in dem Umfange, daß sie als all-
	        
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