Schon bei der elementaren Bewegung des Feilens muß der Lehr-
meister die Aufmerksamkeit des Lehrlings auf sein Bewegungsgefühl
und sein Druckgefühl lenken. Er hat ihm das Verständnis für das,
worauf es nach dem vorausgehenden Abschnitt ankommt, zu erschließen.
Damit stellt sich dann auch das Interesse für die Instruktion ein. So
wird ihm das Ueben einer Fertigkeit, das sonst leicht geisttötend wirken
könnte, zur Präzisionsaufgabe, zur Kunst, die er mit voller Anspannung
der Aufmerksamkeit auszuüben sich bemüht.
In dieser mitteilenden und aufklärenden Weise, die kontinuierlich
ans Verständnis appelliert, sollte in allem verfahren werden. Es ist
keine verlorene Zeit, wenn man den Jugendlichen beim Eintritt in die
Lehrwerkstatt mit der bevorstehenden Ausbildung in großen Zügen an-
Schaulich bekannt macht, indem man ihn zum Beispiel durch die Lehr-
Werkstatt führt und ihm die Arbeiten zeigt, die er später auch ausführen
wird, wenn er einmal so weit ist. Im allgemeinen hat der Mensch ein
Natürliches Bedürfnis zu wissen, wozu er arbeitet und zu was ihn sein
Tun später führen kann. Der Neuling tritt mit allerlei Vorstellungen
über den gewählten Beruf auf den Schauplatz seines neuen Wirkens.
Meist sind diese Vorstellungen falsch, weil sie zu eng an die Bastelarbei-
ten der Knabenzeit anschließen. Stellt man die noch kindliche, un-
entwickelte Psyche eines Vierzehnjährigen direkt an einen Schraubstock
mit der Forderung, einen Eisenklotz zu feilen, so riskiert man, daß auf
einmal alle Vorstellungen und Illusionen in Nichts zusammenbrechen,
und daß die keimende Arbeitsfreude, das Interesse und der Fleiß schon
Nach wenigen Stunden einer Ernüchterung zum Opfer fallen. Es kostet
dann viel Mühe und viel Zeit, bis dieser Rückschlag wieder einiger-
Maßen korrigiert ist, wenn er überhaupt je wieder ganz behoben
Werden kann.
Sieht der Jüngling dagegen, daß er später auch Arbeiten ausführen
Wird, wie er sie anstrebt, und ist ihm klar gemacht worden, daß und
warum der direkte Weg dazu die genaue Beherrschung der Grundope-
Yationen verlangt, so kann in dieser Weise direkt auf die beim Eintritt
Mitgebrachte gute Einstellung aufgebaut werden; sie nähert sich mit dem
Fortgang der Arbeit allmählich und ganz von selber der Wirklichkeit des
Späteren Berufes. Die Führeraufgabe des Meisters dem Lehrling gegen-
über besteht darin, ihm zu helfen bei der Entwicklung eines richtigen
Bildes seiner Arbeit, und nicht in der Vernichtung der vorhandenen
Natürlichen Triebe und Tendenzen, an die er anknüpfen sollte.
Im Grunde ist die Sache so einfach, daß sie nur einmal gesehen
Und dann konsequent im Auge behalten zu werden braucht, um sie
leicht. in die Wirklichkeit umsetzen zu können. Sie nimmt auch wenig
Von der zur Verfügung stehenden Zeit weg; in einer Viertelstunde ist
beim Eintritt des neuen Lehrlings der erwähnte Rundgang durch die
Werkstatt gemacht.
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