Brod fehlt viel öfter in den Haushaltungen der Arbeiter durch die
Schuld des Vaters, als durch die Schuld der Industrie. Der »»blaue
Montag«« verfchlingt ein Viertel, vielleicht die Hälfte des ganzen Wochenlohnes,
und die bestbezahlten Arbeiter, welche recht wohl für ihre Familien
sorgen könnten, sind fast überall am meisten der Trunksucht verfallen.
Der Wohlstand hängt mehr von der Sittlichkeit, als von dem
Lohne ab. Das Uebel ist daher mehr noch ein moralisches, und das
Problem, welches gelöst werden muß, besteht darin, den Arbeiter durch
şich selbst zu retten. Man kann dem Arbeiter noch einen größeru Dienst
leisten, als ihm Arbeit und Geld geben, und dieser besteht darin, ihm
Liebe zur Sparsamkeit und Sittlichkeit einzuflößen. Wenn die Werkstätten
voll und die Schänken leer sind, dann ist das Uebel überwunden.«
„Alle diese Uebelstände, welche Julius Simon hier aus dem
französischen Fabrikleben beschreibt und welche in England in einem noch
viel größern Umsange Platz gegriffen haben, sind in Deutschland, wenigstens
in diesen Fabrikgegenden, in einem solchen Umfange nie entfernt
eingetreten. . . . Auch die Religion fordert, daß die Mutter im Hause
in Erfüllung ihrer hohen und heiligen Pflichten gegen Mann und Kinder
den Tag zubringe. Alles, was Julius Simon in den angeführten
Worten, alles, was je ein Freund des Arbeiterstandes über die Wichtigkeit
der Familie gesprochen hat, wird unendlich übertroffen durch das,
was ihr von Jugend auf von der Kirche über die Heiligkeit des Familienlebens
gehört habt. Es ist ganz und gar wahr, die Arbeiterfrage
ist vor allem eine sittliche und sie hängt durchaus mit dem Familienleben
zusammen."
Geh. Medicinalrath Dr. Schwartz, Regierungsrath in Köln,
kommt in einem Referat für die 5 8. Versammlung deutscher
Naturforscher und Aerzte in Straßburg vom Standpunkte der
praktischen Hygiene zu demselben Resultate.
„Die wichtigsten Aufgaben der öffentlichen und privaten Gesundheitspflege
können nach meiner Erfahrung überall nur dann gelöst werden,
wenn die Familien-Verbände richtig organisirt sind und
bte einzelnen Glieder der Familie ihre natürlichen Pflichten gegen einander
erfüllen. Nun fällt aber unzweifelhaft dem Manne, als dem
Haupte der Familie, auch die natürliche Pflicht zu, die Familie zu ernähren,
das Brod zu schaffen, nöthigenfalls durch die ausgedehnteste
Thätigkeit nach außen, während die Frau das Haus hüten, befvrgen,
dem Manne eine Gehülfin, den unerwachsenen Kindern eine
Pflegerin und Erzieherin sein soll. Wir alle kennen ja schon aus unserer
Tugend den Gesang unseres deutschen National-Dichters: »Der Mann
wuß hinaus in's feindliche Leben, muß wirken und streben und pflanzen