Jose Vasconcelos. 65
einig in diesem Bestreben, uns eine eigene Zivilisation zu schaffen, die das
Eindringen des Imperialismus zurückweisen kann. Vielleicht denkt Ihr, daß
ich einem groben Nationalismus Latein-Amerikas das Wort rede. Davon
sind wir weit entfernt. Nicht aus einem romantischen Gefühl heraus,
sondern weil unsere natürlichen und örtlichen Verhältnisse uns dazu zwingen.
Wenn Ihr einen Augenblick unsere Situation überdenkt, so wird Euch auf-
fallen, daß wir der einzige Teil der Welt sind, der mehr Bodenfläche als Be-
völkerung hat, Nichts vereinigt mehr, als der Bedarf an Menschen, die ar-
beiten. Die Spaltung entsteht aus den ökonomischen Konflikten, die die
Überbevölkerung mit sich bringt. In manchen Ländern der Welt ist jeder
Mensch mehr eine Kalamität; in Latein-Amerika ist ein Mensch etwas Kost-
bares, ein nützliches Werkzeug, weil das jungfräuliche Land und die unbe-
grenzten Bodenschätze auf Entwicklung warten. Wir haben in Latein-Ame-
rika und Mexiko Land genug, um die ganze gegenwärtige Bevölkerung der
Welt zu ernähren. Nun versteht Ihr, warum die großen Trusts Nordamerikas
nach Südamerika und Mexiko kommen. Schon vor 40 Jahren wurde das über-
all vorbereitet. Die Vertreter gingen nach Brasilien oder Mexiko und sprachen
mit einem der Großgrundbesitzer, der Land besaß, das er niemals kultivierte.
Er zeigte ihm auf der Karte dieses Land und fragte ihn, wieviel es ihm ein-
brächte. Der Eigentümer sagte: nichts, und der Trust kaufte es auf. Zu
lächerlichen Preisen wurde das Land verkauft. Der Trust konnte es sich
leisten, 50 oder 100 Jahre zu warten. Die moderne Technik wird dieses Land
ausbeuten und die Trusts werden schon da sein. Das bedeutet, daß der größte
Schatz der Menschheit schon hundert Jahre im voraus von klugen Herren
monopolisiert wird. Diese Länder werden in Reserve gehalten, um die Skla-
verei und den Imperialismus der Zukunft zu organisieren. Aber es besteht
eine ernste Gefahr, daß sie ihnen wieder verloren gehen. Die Völker Latein-
Amerikas haben ihre Pflicht begriffen und stehen in Opposition gegen den
Imperialismus. Wir müssen die Vorzüge der Maschinerie und der Technik
erkennen, und wir wünschen, unsere Ländereien zu entwickeln, aber zum
Wohle aller und nicht nur der Privilegierten. Unter den gegenwärtigen Ver-
hältnissen gehören diese Ländereien nicht uns. Sie gehören nicht einmal den
Eigentümern. Sie werden nicht ausgebeutet. Es sind Ländereien, die denen
gehören sollten, die sie bearbeiten. Das Problem Latein-Amerika ist kein
romantisches Problem und es ist nicht nebensächlich für Europa. In der
Tat verteidigen wir seine Reichtümer zum Wohle der belgischen Emigranten,
zum Wohle der englischen, der französischen Emigranten. Unser Kampf
gleicht dem Euren. Es ist ein Kampf für den Fortschritt und die Gerechtig-
keit. Die Natur hat uns zum Zentrum des Kampfes gemacht. Obgleich die
Krise in 20 Jahren sich ebenso zuspitzen kann wie jetzt schon in China oder
Indien, müssen wir doch von solchen Episoden, wie der in Nicaragua ernst-
lich Notiz nehmen. Hier vereinigt sich der kleine Despot mit dem Imperia-
Das Flammenzeichen vom Palais Egmont.