Full text : Finanzwissenschaft

180 4. Buch. II. Teil. Die privatwirtschaftlichen Erwerbseinkünfte des Staates.
Gegenwart, in jedem Staate einstellen kann — wir sahen dies im
Weltkriege —, mag für das Vorhandensein eines Staatsschatzes
sprechen. Die Bedeutung des Staatsschatzes wird noch erhöht,
wenn nicht der Staatsschatz selbst zur Deckung der Kriegskosten
verwendet wird, sondern — wie dies in Deutschland geschah —
derselbe der Notenbank überwiesen wird. So konnte die Deutsche
Reichsbank auf Grund des ihr zur Verfügung gestellten Reichskriegsschatzes
 von 205 Millionen ihre Fähigkeit zur Notenausgabe
auf Grund der Dritteldeckung um 615 Millionen erhöhen.
3. Staatsschatz und Papiergeld. Den Staatsschatz
kann auch die Ausgabe von Staatspapiergeld überflüssig machen
und manche betrachten dieselbe als Kriegszahlungsmittel par
excellence. Aber die Ausgabe des Staatspapiergeldes ist eine sehr
heikle Maßregel und kann zu großen Störungen im Wirtschaftsleben
führen. In gewissem Sinne kann auch der Metallschatz der Notenbanken
 als Staatsschatz betrachtet werden, wie dies auch vom Weltkriege
 geschah.
4A. Geschichtliches. In der Literatur finden wir schon
frühe eine Stellungnahme gegen den Staatsschatz, so bei Xenophon.
Bei anderen Staatsmännern und Heerführern finden wir dagegen
eine Billigung dieser Institution, so bei Friedrich dem Großen,
bei Napoleon. Im allgemeinen sind gegen den Staatsschatz diejenigen,
 die außerordentliche Bedürfnisse mittels Kredit gedeckt
wissen wollen, für den Staatsschatz diejenigen, die gegen den Staatskredit
 Stellung nehmen. In der Literatur hat namentlich Wagner
auf Grund der Erfahrungen in den Kriegen des preußischen und
deutschen Staates die Institution des Staatsschatzes verteidigt *).
2. Die Unregelmäßigkeit des Staatshaushaltes sowohl in seinen
Einnahmen als in seinen Ausgaben hat in manchen Staaten dahin
1!) Namentlich Wagner ist für die Institution auf das entschiedenste eingetreten.
 „Der Staatsschatz hat sich von neuem im Jahre 1870, wie vordem in
1866 und früher, als eine vortreffliche Finanzeinrichtung bewährt. Er ist zwar
bis in die neueste Zeit von einer einseitigen Theorie und befangener Praxis
verworfen worden, aber mit Recht in Preußen aufrecht erhalten und nun auch,
wie so manche andere. bewährte Institution Preußens, auf das neue Deutsche
Reich übergegangen. In einer geographisch so ausgesetzten Lage wie derjenigen
Deutschlands und vollends bisher Preußens im Zentrum Europas, bei so prekären
politischen Verhältnissen und bei einer Wehrverfassung, deren Wesen darin
liegt, daß relativ schwache Friedenscadres im Kriege sofort durch die Mobilmachung
 stark angefüllt werden müssen, ist ein solcher, in gemünztem Gelde
vorrätiger Staatsschatz geradezu unentbehrlich. Er gehört, so gut wie ein Arsenal
 und wie die im Frieden erfolgende Einübung der Mannschaft zu den notwendigen
 Mitteln, mit denen sich ein moderner Staat in Deutschlands Lage
rechtzeitig auf den Kriegsfall vorbereitet.“ (Das Reichsfinanzwesen, Holtzendorff’s
 Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtspflege, III. Jahrgang,
I Hälfte. Leipzig 1874, S. 67 ff.)
            
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