Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 195
Herrscher selbst, zu Gelnhausen und zu Wimpfen am Berge,
einen hohen Grad heiterer Grazie empfing, bis sie mit dem
Eintritt der Gothik allmählich erstarb und durch eine mehr
naturalistische Behandlung der Tierwelt ersetzt ward. Doch
dauerte es auch dann noch viele Generationen, ehe das Tier—⸗
studium jenen fast völligen Naturalismus erreichte, der uns etwa
aus dem Kaninchen Dürers in der Albertina entgegenleuchtet.
Und längst vorher schon hatten sich die Romanen in der
gewaltigen Stimme Bernards von Clairvaux gegen das deutsche
Tiergefasel in den Kirchen, gegen die lächerliche Ungeheuerlich—
keit, gegen die deformis formositas und die formosa deformitas
dieses letzten Aufflackerns urgermanischer Kunst ausge—
sprochen, — nicht minder, wie sie um gleiche Zeit die Kraft
unserer alten Heldenlieder mit den Süßigkeiten ihrer roman—
haften Epik zu durchsetzen begannen. Doch hatte auch der ger⸗
manische Heldensang der frühen Stammeszeit inzwischen eine
Entwickelung durchlebt, welche die Wandlungen der Ornamentik
in fast völlig ebenmäßigem und innerlich verwandtem, ja, im
Grunde identischem Fortgang begleitet.
Wie die Tierornamentik der Frühzeit des Stammeslebens
gegen das 9. Jahrhundert verfiel, so neigte sich um diese Zeit
das erste große Zeitalter unseres Heldensanges seinem Ende zu!.
Doch ähnlich, wie auf dem Gebiete der bildenden Kunst die
ornamentale Disposition im allgemeinen erhalten blieb, nur
in Ausstrahlung auf eine andere, weniger aktuelle Außenwelt,
auf das Pflanzliche, so erhielt sich auf demselben typischen
Untergrunde des Geisteslebens auch die epische Disposition:
doch wandte auch sie sich vom Aktuellen in des Wortes strengster
Bedeutung, vom Heldenhaften, von den großen Schicksalen der
Nation und deren Trägern ab und nahm einen Zug an aufs
zuständlich Ruhigere, auf die Episoden innerhalb des geschicht⸗
lich-nationalen Verlaufes. Diese Neigung ward durch das
Absterben des alten Götterglaubens noch besonders gefördert:
denn nun verbot sich von selbst ein Überschlagen des wild
S. Band 18, S. 342 ff.