Full text: Finanzwissenschaft

5 4. Buch. V. Teil. Die Steuern. 
frage entsprechender Bestimmung der Preise. Als unmittelbare 
Ursache der Veränderung der Preisformel kann die Steuerüber- 
wälzung nur in dem Falle gelten, wenn Angebot oder Nachfrage 
aus irgendeinem Grunde die Verhältnisse unrichtig beurteilten, jetzt 
aber unter dem Drucke der Steuerlast und bei dem Streben, die 
Steuer zu überwälzen, die wirkliche Marktlage erkennen. Unter 
allen Umständen liegt der Schwerpunkt des Steuerüberwälzungs- 
problems auf dem Gebiete der Preistheorie und ist als ein Spezial- 
fall der Preisbildung zu betrachten. .Auf dem Gebiete der Be- 
steuerung ist natürlich danach zu trachten, daß möglichst solche 
Steuern gewählt werden, die von jenen, die deren Träger sein 
sollen, nicht überwälzt werden können. 
Die Steuerüberwälzung ist demnach in vielen Fällen eigentlich 
eine Fiktion, in anderen Fällen bloß ein auslösender Faktor. Uber- 
dies ist zu konstatieren, daß sich die Steuerüberwälzung in den 
meisten Fällen überhaupt nicht verfolgen läßt.!) Unter der Decke 
der auf dem Markte sich vollziehenden Preisbewegungen sich voll- 
ziehend berührt sie in verschiedenster Richtung die Wellen der 
Preisbewegung. Sie macht sich bald in der Richtung vom Produ- 
zenten zum Konsumenten, bald in der Richtung vom Konsumenten 
zum Produzenten geltend, überdies noch kompliziert durch die Teil- 
nahme des Handels und anderer Mittelspersonen im Preiskampfe. 
Auch deshalb läßt sich die Gestaltung der Uberwälzung schwer 
verfolgen, weil die Erhöhung oder Herabdrückung des Preises nur 
eine Form der Überwälzung ist; dieselbe kann auch in der Weise 
zur Geltung kommen, daß minderwertige Waren. dargeboten werden, 
oder eine geringere Quantität geboten wird, oder umgekehrt, bessere 
Qualität oder größere Quantität geboten wird. Bei Kapitalien kann 
die Überwälzung in der Wertminderung der mit Steuer belasteten 
Kapitalien zum Ausdruck kommen resp. in der Wertsteigerung der 
Kapitalien. | 
Dem hier eingenommenen Standpunkt am nächsten steht 
Vocke. Er weist darauf hin, daß wenn jeder im Verhältnis zu 
dem anderen entsprechend besteuert ist, dann werden die einander 
gegenüberstehenden Kräfte im Gleichgewicht sein und sich aufheben. 
Wenn auch in dem sich entwickelnden Wettkampf hier und da 
Vorteile errungen werden, so werden diese doch in der allgemeinen 
1) So sagt Vocke (S. 358), daß hinsichtlich der Steuerüberwälzung nichts 
feststeht, als daß sie schlechterdings unberechenbar ist. Ebenso sagt Stourm: 
Le phenomene de la translation des impöts demeure impenetrable. — Lange, 
Arbeiterfrage (Winterthur 1875, VI. Aufl., S. 254) sagt, die ganze Frage von 
der Wirkung der Steuer löst sich in die Frage der Überwälzung auf. Die Last 
verteilt sich nach dem Punkte des geringsten Widerstandes. 
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