B. VIII. Abschnitt. Sonstige Postulate des Steuerwesens. 327
eben umgekehrt, einzig und allein, um mich so auszudrücken, ‘die
größere oder geringere Melkbarkeit des Landes.“
3. Die Bestimmtheit der Steuer. Wie jede Ver-
pflichtung, so wird auch die Last der Steuerzahlung schwerer
empfunden, wenn dieselbe unbestimmt ist und von der Willkür
der Amtsorgane abhängt!). Ein wichtiges Postulat des Steuer-
wesens ist es daher, daß jeder genau wisse, oder zu wissen in
der Lage sei, wieviel, wo und wann er zu steuern habe. Das
alte Steuerwesen war in dieser Beziehung sehr unvollkommen.
Eine der drückendsten Eigenschaften der Taille war, daß der Bauer
nie wissen konnte, wieviel er schulde, da in jedem Jahre ein anderer
die Steuer auswarf (die wohlhabenderen Ortsbewohner mußten dies
Amt der Reihe nach versehen), ohne Rücksicht auf Fähigkeit und
Ehrlichkeit ?).
4. Die Billigkeit der Steuereintreibung. Wenn
die Kosten der Steuereintreibung einen großen Teil der Ein-
nahmen verschlingen, dann wird die Steuer außerordentlich
lästig und unwirtschaftlich. Die Differenz zwischen Brutto- und
Nettoeinnahme darf nicht zu groß sein; auf dem Wege, den die
Steuer von der Tasche des Steuerträgers bis zur Staatskasse
zurücklegt, darf nicht ein übergroßer Teil der Einnahme ver-
loren gehen. Namentlich einzelne Verzehrungssteuern zeigen in
dieser Beziehung höchst ungünstige Erscheinungen. Vor der
Revolution haben die indirekten Steuern nach Taine zweimal
so viel gekostet als sie eintrugen; von 371 Millionen blieben
184 Millionen Frank.
5. Der schonende Charakter der Steuereinhebung.
Das Übel, das schonungslos angewendete Steuern verursachen,
ist noch größer als das durch die Schwere der Steuer verursachte.
Nicht selten waren die Fälle, daß infolge der Schonungslosigkeit
der Steuerverwaltung ganze Ortschaften von der Bevölkerung ver-
lassen wurden. Die hervorgerufene Erbitterung drückt sich selbst
in der Volkspoesie aus. Rogers sagt, daß die im Parlament auf-
gehäuften Klagen sich mehr auf die Methode der Besteuerung,
namentlich deren inquisitorischen Charakter beziehen. Gladstone
sagt bei einer Gelegenheit, der englische Kaufmann lasse sich wohl
besteuern, aber nicht belästigen. Schon Francesco Patrizi
(1412—1494) sagt, die Steuer sei „modi facili e umani“ 3). Nament-
') Ce m’est pas le taux de l’impöt, c’est son arbitraire, son irregularite,
qui opprime une nation (Lamartine, Voyage en Orient, S. 478).
?) Tocquerville, Ancien regime (Deutsche Ausgabe), S. 147.
3) Ricca-Salerno. le. S. 47.