Full text : Die Technik des wirtschaftlichen Verkehrs

6 DIE TECHNIK DES WIRTSCHAFTLICHEN VERKEHRS
halte, Steuern, Gebühren, werden nicht mehr in Naturalien, sondern
in Geld geleistet; die Entstehungsursache des Geldes, seine ursprüngliche
 Aufgabe als Tauschmittel tritt zurück und seine Funktion als
Zahlungsmittel wird das charakteristische Merkmal: „Geld ist jedes
allgemeine Zahlungsmittel im Tausch und außerhalb des Tausches“
sagt Wieser?) und bezeichnet ein Zahlungsmittel als allgemein, „sobald
 es geschichtlich eine Massengewohnheit der Verwendung erworben
 hat“, In der vorgeschrittenen. Verkehrswirtschaft ist es nicht
mehr die größte Absatzfähigkeit, die ein Gut zum Geld eignet, sondern
 die Massengewohnheit der Annahme, die dem Gute den Geldcharakter
 verleiht, Der stoffliche Wert des Geldes tritt in den Hintergrund,
 und auch stofflich wertlose Güter, wie das Papiergeld, werden
allgemeines Zahlungsmittel, Das hat Knapp veranlaßt, den Begriff des
Geldes auf die chartalen Zahlungsmittel einzuschränken*), d. h. auf
solche, denen vom Staate ihre Geltung beigelegt wird und die auf
Grund dieser Geltung zur Schuldentilgung und insbesondere zu
Zahlungen an ihn selbst verwendet werden können,
Es ist nicht die Aufgabe dieses Buches, zu den vorstehenden
und den vielen anderen Definitionen des Geldes noch eine neue
hinzuzufügen, Es genügt, an der Hand der angeführten Definitionen
die Entwicklung des Geldbegriffes zu verfolgen, aus der sich zweierlei
 ergibt: Neben den absatzfähigsten Gütern haben auch andere
Güter infolge der Massengewohnheit ihrer Annahme den Geld-Charakter
 erlangt®); hiezu konnte der Staat sehr wesentlich beitragen,
 indem er den Annahmezwang für dieses Geld für Schuldrückzahlungen,
 für Zahlungen an seine Angestellten und an ihn selbst
festsetzt; dagegen kann dieser Annahmezwang auf die meisten der
aus dem wirtschaftlichen Verkehr sich ergebenden Zahlungen (Preiszahlungen)
 nicht ausgedehnt werden, weil diese in einem jeweils
vereinbarten Zahlungsmittel erfolgen können, Weiters ergibt sich aus
den vorstehenden Definitionen, daß das Geld zwei Funktionen hat,
die des Tauschmittels und die des Zahlungsmittels, von. denen die
letztgenannte immer stärker in die Erscheinung getreten ist; zu
diesen beiden Funktionen tritt von‘ selbst noch eine dritte hinzu,
die des Wertmaßes, Denn es ist augenscheinlich, daß auch bei Handlungen,
 die nicht notwendig zum Tausche oder zur Zahlung führen
müssen, der‘ Wert eines Gutes in Geld eben infolge der Massengewohnheit
 seiner Verwendung ausgedrückt wird®), a
; 3) Wieser, Theorie der gesellschaftlichen Wirtschaft im Grundriß der
Sozialökonomik, 1. Abt. S. 301 ff.
*) Knapp, Staatliche Theorie des Geldes: Leipzig 1905. S. 31 1{f.
5) In England und den Vereinigten Staaten von Amerika ist der Scheck
infolge der Massengewohnheit seiner Verwendung als Geld anzusehen.
6) Liefmann Sagt in seinen „Gründsätzen der Volkswirtschaftslehre‘“
            
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