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nisses mit sich bringt, noch mehr hervortreten als
bei Weizen, weil es fich um größere Mengen handelt
und der Ausgleich mit dam besser lagerfähigen
Auslandsgetreide wegfällt. Die Schwierigkeiten der
Festsetzung der Ubernahne- und der Abgabepreise,
der örtlichen Verschiedenheit von Erzeugerpreisen
und Verbraucherpreisen, der Uberwachung des Ver—
kehrs mit Getreide beständen bei Roggen in gleicher
Weise wie bei Weizen. Selbst weun es gelänge,
dem Erzeuger eine gleichmäßige Rente sicherzustellen,
würden damit wohl kaum dem Verbraucher billiger⸗
Preise als in der freien Wirtschaft gewährleistet.
Die Nachkriegszeit weist die höchsten Jahres—
schwankungen in den Weltmarktpreisen für Getreide
auf, die seit den letzten 60 Jahren, also seit es
einen Weltmarkt für Getreide gibt, beobachtet
wurden.
Diese große Unsicherheit in der Preisbildung, die
Erschütterungen der Wirtschaft, die die fortgesetzten
starken Schwankungen mit sich bringen, legen den
Wunsch einer Stabilisiterung der Preise durch staat⸗
lichen Eingriff nahe. Wenn die Schwankungen in
der Nachkriegszeit höher und anhaltender waren, als
in einer langen Zeitperiode vor dem Krieg, so liegt
die Annahme nahe, daß nicht Vorgänge, die in nor—
malen Zeiten die Preisschwankungen verursachen,
vie Ausfall der Ernte in den verschiedenen Erzeu—
Jungsgebieten nach Qualität und Quantität, Ein—
schäßungen der konrmenden Ernte und Wechsel, die
in diesen Einschätzungen sich vollziehen usw., dabei
allein von Einfluß waren, sondern daß besondere
Vorgänge, die milt den Einwirkungen und Nach—
wirkungen des Krieges zusammenhängen, so Ei—
schöpfung der Vorraͤte und der Produktionskraft
des Bodens in Mitteleuropa, die durch Kriegspreife
forcierte Ausdehnung der Getreideanbaufläche in
Nordamerika, die ungeklärte Frage, ob bisherige
UÜberschußgebiete, wie Rußland unß Rumänien, in⸗
folge der dort in der Kriegszeit und Nachkriegszeit
vollzogenen Agrarreformen aus der Weltmagkt
versorgung ausscheiden, die Verarmung der Ver—
braucher in den bisherigen Hauptzuschußgebieten,
die damit verbundene Schwächung der Kaufkraft,
die Steigerung und Schwächung der Exportfähig⸗
keit von Überschußgebieten und der Aufnahmefähig⸗
keit von Zuschußgebieten durch Umwälzungen in den
Valutaverhältnissen die Ursache für die besonders
schroffen und besonders andauernden Schwankungen
in den Weltmarktpreisen für Getreide waren. Diese
Kriegseinwirkungen und Nachwirkungen sind im
Abklingen begriffen. Je mehr sich über die verblie—
benen Dauerwirkungen und Umstellungen eine über—
sicht gewinnen läßt, desto mehr werden sie als Ur—
jache besonderer Unsicherheit und besonderer Preis⸗
schwankungen ausgeschaltet. Angebot und Preise
stellen sich auf die neuen Verhältaüisse der Nachfrage
ein. Damit entkräftet sich der Hauptgrund mehr und
mehr, der in der Nachkriegszeit eine weitere staat—
liche Einflußnahme anf Gekreides, Mehl- und Brot—
preise wünschenswert erscheinen lassen kann. Anderer—
seits ist zu berücksichtigen, daß die Zeiten eines so
starken Auf- und Niedergeheus der Getreidepreise
allein die Möglichkeit bieten kounten, daß eine glück
lich spekulierende Monopolverwaltung durch Ein—
käufe zur Baissezeit in der folgenden Haufsezeit einen
Abgabepreis durchhalten konnte, der nicht erheblich
iber, zeitweise sogar unter dem Weltmarkipreise
tand, während sie gleichzeitig aus den Verkaufs⸗
Jewinnen noch erhebliche Aufwendungen für Über—
preise an die heimische Landwirtschaft, für Haltung
zroßer Vorräte und für örtlichen Preisausgleich
zestreiten konnte. Kehren Zeiten wieder, in denen
die Höchst⸗ und Mindestpreise der gleichen Getreide
art in einem Jahr nur um wenige Prozente
ovneinander abweichen, so sind solche Ergebnisse
ichwerlich mehr möglich.
Die in der Schweiz gewonnenen Erfahrungen
zeigen, daß ein Staat, der den Verkehr mit Brot—
getreide monopolisiert hat, damit den Mehl- und
Brotpreis des freien Marktes noch nicht unbedingt
beherrscht. Mehrere der Vorschläge für Ein—
richtungen, die an die Stelle des gegenwärtig in der
Schweiz bestehenden Getreidemonopols treten sollen,
gehen davon aus, daß gesetzliche Maßnahmen, die
an dem Vorgang der Vermahlung des Brotgetreides
einfassen, die Beeinflussung der Preisbildung für
Krotgetreide in einfacherer Weise gestatten als das
Betreidemonopol. Auch in Deutschland ist wieder—
holt das Monopol für die Müllerei allein oder für
Müllerei und Bäckerei als derjenige Weg vor—
geschlagen worden, auf dem der Staat die Preis—
ildung für Brotgetreide zu beeinflussen und ins—
esondere dem Verbraucher einen niederen Brol
preis sicherzustellen hätle. Daneben bezweckten
diese Vorschläge allerdings auch noch, dem Staat
eine Einnahmequelle zu erschließen. Man ging
avon aus, daß modern eingerichtete Großbetriebe
n Müllexei und Bäckerei das Mehl und Brot dem
berbraucher viel billiger zuführen könnten, als die
Jegenwärtig die Preisbildung beherrschenden
Kleinbetriebe, und daß trotz geringerer Abgabe—
preise dem Staat noch ein Uberschuß bleiben
önnte?s), Es ist in diesem Zusammenhang be—
nerkenswert, daß auch die in der Schweiz der
Volksabstimmung unterstellte neue Gesetzesvorlage
davon absieht, in der Frage der Brotgetreidewirt⸗
chaft und Brotversorgung über den gegenwärtigen
Zustand des Einfuhrmonopols und der Garaütie
ines Abernahmepreises für das im Inland erzeugte
setreide hinauszugehen, obwohl, wie bereits er—
vähnt. insbesondere die Vertreter der Muühlch—
ndustrie der Einführung eines Systems der Kon—
zessionierung im Mühlengewerbe nicht grundsätz⸗
ich ablehnend gegenüberstehen. Die Vorschläge zur
Monopolisierung von Müllerei und Bäckerei müssen,
um die Rationalisierung und damit die Verbilligung
des Arbeitsvorganges erreichen zu können, den
Ersatz der Kleinbetriebe durch eine beschränkte
Zahl von Großbetrieben in Aussicht nehmen. Es
vird dargelegt, daß damit eine große Zahl von
Arbeitskräften erspart wird. Geraͤde dieses Argu—
ment gibt Gegnern der Monopolisierung der beiden
Bewerbe Anlaß, darauf hinzuweisen, wie viele
gegenwärtig selbständige Exiftenzen durch eine solche
Monopolisierund vernschtet würden unß wose viele
260) Vgl. Dr. W. Ettling. „Die Frage des staatlichen
Brotmonopols sowie der Verstaatlichung der Mülleret“,
Berlin 1918, und Dr. E. v. Bechtolsheim, „Ein
Reichsgetreidempnopol“, München 1818.