Full text: Denkschrift über die in der Schweiz, Norwegen, Schweden, Kanada und den Vereinigten Staaten von Nordamerika getroffenen Maßnahmen zur Preisstabilisierung des Getreides sowie über die dabei gemachten Erfahrungen

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nisses mit sich bringt, noch mehr hervortreten als 
bei Weizen, weil es fich um größere Mengen handelt 
und der Ausgleich mit dam besser lagerfähigen 
Auslandsgetreide wegfällt. Die Schwierigkeiten der 
Festsetzung der Ubernahne- und der Abgabepreise, 
der örtlichen Verschiedenheit von Erzeugerpreisen 
und Verbraucherpreisen, der Uberwachung des Ver— 
kehrs mit Getreide beständen bei Roggen in gleicher 
Weise wie bei Weizen. Selbst weun es gelänge, 
dem Erzeuger eine gleichmäßige Rente sicherzustellen, 
würden damit wohl kaum dem Verbraucher billiger⸗ 
Preise als in der freien Wirtschaft gewährleistet. 
Die Nachkriegszeit weist die höchsten Jahres— 
schwankungen in den Weltmarktpreisen für Getreide 
auf, die seit den letzten 60 Jahren, also seit es 
einen Weltmarkt für Getreide gibt, beobachtet 
wurden. 
Diese große Unsicherheit in der Preisbildung, die 
Erschütterungen der Wirtschaft, die die fortgesetzten 
starken Schwankungen mit sich bringen, legen den 
Wunsch einer Stabilisiterung der Preise durch staat⸗ 
lichen Eingriff nahe. Wenn die Schwankungen in 
der Nachkriegszeit höher und anhaltender waren, als 
in einer langen Zeitperiode vor dem Krieg, so liegt 
die Annahme nahe, daß nicht Vorgänge, die in nor— 
malen Zeiten die Preisschwankungen verursachen, 
vie Ausfall der Ernte in den verschiedenen Erzeu— 
Jungsgebieten nach Qualität und Quantität, Ein— 
schäßungen der konrmenden Ernte und Wechsel, die 
in diesen Einschätzungen sich vollziehen usw., dabei 
allein von Einfluß waren, sondern daß besondere 
Vorgänge, die milt den Einwirkungen und Nach— 
wirkungen des Krieges zusammenhängen, so Ei— 
schöpfung der Vorraͤte und der Produktionskraft 
des Bodens in Mitteleuropa, die durch Kriegspreife 
forcierte Ausdehnung der Getreideanbaufläche in 
Nordamerika, die ungeklärte Frage, ob bisherige 
UÜberschußgebiete, wie Rußland unß Rumänien, in⸗ 
folge der dort in der Kriegszeit und Nachkriegszeit 
vollzogenen Agrarreformen aus der Weltmagkt 
versorgung ausscheiden, die Verarmung der Ver— 
braucher in den bisherigen Hauptzuschußgebieten, 
die damit verbundene Schwächung der Kaufkraft, 
die Steigerung und Schwächung der Exportfähig⸗ 
keit von Überschußgebieten und der Aufnahmefähig⸗ 
keit von Zuschußgebieten durch Umwälzungen in den 
Valutaverhältnissen die Ursache für die besonders 
schroffen und besonders andauernden Schwankungen 
in den Weltmarktpreisen für Getreide waren. Diese 
Kriegseinwirkungen und Nachwirkungen sind im 
Abklingen begriffen. Je mehr sich über die verblie— 
benen Dauerwirkungen und Umstellungen eine über— 
sicht gewinnen läßt, desto mehr werden sie als Ur— 
jache besonderer Unsicherheit und besonderer Preis⸗ 
schwankungen ausgeschaltet. Angebot und Preise 
stellen sich auf die neuen Verhältaüisse der Nachfrage 
ein. Damit entkräftet sich der Hauptgrund mehr und 
mehr, der in der Nachkriegszeit eine weitere staat— 
liche Einflußnahme anf Gekreides, Mehl- und Brot— 
preise wünschenswert erscheinen lassen kann. Anderer— 
seits ist zu berücksichtigen, daß die Zeiten eines so 
starken Auf- und Niedergeheus der Getreidepreise 
allein die Möglichkeit bieten kounten, daß eine glück 
lich spekulierende Monopolverwaltung durch Ein— 
käufe zur Baissezeit in der folgenden Haufsezeit einen 
Abgabepreis durchhalten konnte, der nicht erheblich 
iber, zeitweise sogar unter dem Weltmarkipreise 
tand, während sie gleichzeitig aus den Verkaufs⸗ 
Jewinnen noch erhebliche Aufwendungen für Über— 
preise an die heimische Landwirtschaft, für Haltung 
zroßer Vorräte und für örtlichen Preisausgleich 
zestreiten konnte. Kehren Zeiten wieder, in denen 
die Höchst⸗ und Mindestpreise der gleichen Getreide 
art in einem Jahr nur um wenige Prozente 
ovneinander abweichen, so sind solche Ergebnisse 
ichwerlich mehr möglich. 
Die in der Schweiz gewonnenen Erfahrungen 
zeigen, daß ein Staat, der den Verkehr mit Brot— 
getreide monopolisiert hat, damit den Mehl- und 
Brotpreis des freien Marktes noch nicht unbedingt 
beherrscht. Mehrere der Vorschläge für Ein— 
richtungen, die an die Stelle des gegenwärtig in der 
Schweiz bestehenden Getreidemonopols treten sollen, 
gehen davon aus, daß gesetzliche Maßnahmen, die 
an dem Vorgang der Vermahlung des Brotgetreides 
einfassen, die Beeinflussung der Preisbildung für 
Krotgetreide in einfacherer Weise gestatten als das 
Betreidemonopol. Auch in Deutschland ist wieder— 
holt das Monopol für die Müllerei allein oder für 
Müllerei und Bäckerei als derjenige Weg vor— 
geschlagen worden, auf dem der Staat die Preis— 
ildung für Brotgetreide zu beeinflussen und ins— 
esondere dem Verbraucher einen niederen Brol 
preis sicherzustellen hätle. Daneben bezweckten 
diese Vorschläge allerdings auch noch, dem Staat 
eine Einnahmequelle zu erschließen. Man ging 
avon aus, daß modern eingerichtete Großbetriebe 
n Müllexei und Bäckerei das Mehl und Brot dem 
berbraucher viel billiger zuführen könnten, als die 
Jegenwärtig die Preisbildung beherrschenden 
Kleinbetriebe, und daß trotz geringerer Abgabe— 
preise dem Staat noch ein Uberschuß bleiben 
önnte?s), Es ist in diesem Zusammenhang be— 
nerkenswert, daß auch die in der Schweiz der 
Volksabstimmung unterstellte neue Gesetzesvorlage 
davon absieht, in der Frage der Brotgetreidewirt⸗ 
chaft und Brotversorgung über den gegenwärtigen 
Zustand des Einfuhrmonopols und der Garaütie 
ines Abernahmepreises für das im Inland erzeugte 
setreide hinauszugehen, obwohl, wie bereits er— 
vähnt. insbesondere die Vertreter der Muühlch— 
ndustrie der Einführung eines Systems der Kon— 
zessionierung im Mühlengewerbe nicht grundsätz⸗ 
ich ablehnend gegenüberstehen. Die Vorschläge zur 
Monopolisierung von Müllerei und Bäckerei müssen, 
um die Rationalisierung und damit die Verbilligung 
des Arbeitsvorganges erreichen zu können, den 
Ersatz der Kleinbetriebe durch eine beschränkte 
Zahl von Großbetrieben in Aussicht nehmen. Es 
vird dargelegt, daß damit eine große Zahl von 
Arbeitskräften erspart wird. Geraͤde dieses Argu— 
ment gibt Gegnern der Monopolisierung der beiden 
Bewerbe Anlaß, darauf hinzuweisen, wie viele 
gegenwärtig selbständige Exiftenzen durch eine solche 
Monopolisierund vernschtet würden unß wose viele 
260) Vgl. Dr. W. Ettling. „Die Frage des staatlichen 
Brotmonopols sowie der Verstaatlichung der Mülleret“, 
Berlin 1918, und Dr. E. v. Bechtolsheim, „Ein 
Reichsgetreidempnopol“, München 1818.
	        
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