Full text: Denkschrift über die in der Schweiz, Norwegen, Schweden, Kanada und den Vereinigten Staaten von Nordamerika getroffenen Maßnahmen zur Preisstabilisierung des Getreides sowie über die dabei gemachten Erfahrungen

ndem einen Jahr. Da die landwirtschaftliche Be— 
»ölkernug am 1. Januar 1920 31 359 000 Menschen 
»etrug, hatte also die Wanderung 3,6 v. H. der 
gesamten landwirtschaftlichen Bevölkerung ergriffen. 
In Michigan stellte eine Zählung vom Jahre 1988 
fest, daß volle 10 v. H. der Farmen verlassen 
varen und daß weitere 18 v. H nur zum Teil 
»ebaut waren. Eine Zählung aus dem Staͤate New— 
Jork ergibt eine Abnahme der landwirtschaftlichen 
Bevölkerung im Jahre 1923 um 26000 Köpfe oder 
v. H. der landwirtschaftlichen Bevölkerung. Als 
Begleiterscheinung der Bewegung vom Land' in die 
Stadt ergaben sich Wohnungsnot in den Städten, 
ein Boom im Häuferbau und ähnliche Er— 
cheinungen?s). 
Die äußere Ursache der mißlichen Lage der Farmer 
var die Spannung zwischen Gestehungskosten und 
Weizenpreis. Alle Kosten, die bei der Weizen⸗ 
oroduktion mitspielen, waren höher als vor dem 
drieg, so die Löhne der Landarbeiter, die Preise 
ür landwirtschaftliche Geräte, die Zinsen und 
Steuerlasten, während der Weizenpreis ungefähr 
ruf dem Vorkriegsniveau stand. 
Der Krieg hat in allen Ländern, wenn nicht 
u einer, Ausdehnung der Staatsgewalt, so doch 
»azu geführt, daß man im erhöhten Maße gegen⸗ 
iber früher das Eingreifen des Staates in die Vor— 
zänge des Wirtschaftslebens zur Beseitigung wirk— 
icher oder angeblicher Notstände forderte. Diese 
Erscheinung trat, auch in den Vereinigten Staaten 
hervor. Sie ist dort besonders in die Augen 
springend, weil die Geistesrichtung der Bevölkerung 
dieses Landes früher immer besonders charakterisiert 
var durch das Verlangen nach der Freiheit vom 
Staate und durch die Abneigung gegen die Ein— 
nischung des Staates in soziale. Angelegenheiten?6). 
Die Befürworter des staatlichen Eingreifeus haben 
ür sich die Erinnerung an die wirtschaftlichen Er— 
olge der Zeiten der Kriegswirtschaft. Die als Aus— 
virkung der Krisis in der Nachkriegszeit einsetzenden 
Kämpfe um eine Gesetzgebuug zur Hilfeleistung 
ür die notleidende Landwirtschaft und die dabe 
erzielten Ergebnisse sind der Ausdruck dieses Gegen— 
atzes zwischen der alten und neuen Auffassung vom 
3taate und seinen Aufgaben. 
1. Einschränkung der Anbaufläche. 
Die Kriegszeit gab den Vereinigten Staaten wie 
iuf, anderen Wirtschaftsgebieten so insbesondere 
ruch auf dem Gebiet der Landwirtschaft Gelegen— 
jeit, zu erproben, welche Reserven dem Lande noch 
ur Verfügung stehen. Der Weizenanbau wurde in 
segenden wieder aufgenommen, deren Entwicklung 
ängst dahin gegangen war, ihn nebensächlich zů 
nachen, so in Jova und in Wiskonsin. Im Suͤden 
nahmen Länder den Weizenanbau wieder auf, in 
»enen seit dem Bürgerkrieg kein Weizen mehr ge— 
jaut worden war. Das plötzliche Ansteigen der 
Weizenanbaufläche in der Zeit von 1917 bis 1919 
ritt in der nachfolgenden Tabelle (S. 62) deutlich 
jervor. 
— 
*) Bericht zu MeNary-Haugen-Bill. Bericht Nr. 631 der/ 
B. Tagung des House of Représentatâve. 
uj Feiler, „Amerika-Europa“ S. 195, 
31 
Nr. 2785 
Nach dem Weltkrieg setzte als natürliche Gegenwir— 
ung des Preissturzes ein Einschrumpfen der Weizen— 
nbanufläche ein. Sie geht nicht ganz auf den Vor— 
riegsstand zurück, aber es beginnt eine sorgfältigere 
luslese. Als neue Entwicklungsphase der amerikani— 
chen Landwirtschaft beginnt die „Zusammenziehung 
er Produktion auf die günstigsten Felder““). Der 
Kreissturz bei den landwirtschaäftlichen Erzeugnissen, 
ie ausschließlich im Inland ihren Absatz fanden, 
vie Milch und Butter, erreichte nicht den Umfang 
vie bei den Preisen der landwirtschaftlichen Er— 
eugnisse, von denen ein Überschuß auf den Welt— 
narkt ging, und für die deshalb der Weltmarktpreis 
ind die geschwächte Kaufkraft Europas bestimmend 
var. Dieser Unterschied in der Preisbewegung 
onnte den Weizen erzeugenden Gebieten keine Ret— 
ung bringen, weil bis dahin die Landwirtschaft 
vort sich ganz ausschließlich auf das eine Erzeugnis 
ingestellt hat. Die Erkenntnis, daß diese einseitige 
cinstellung ein besonderes Risiko in sich schließe, 
ührte dazu, daß der Übergang vom einseitigen 
Veizenbau zur Wechselwirtschaft durch Regierungs— 
naßnahmen gefördert wurde. Den Farmern im 
Veizengürtel wurden Darlehen aus öffentlichen 
Nitteln zur Beschaffung von Milchvieh zur Ver— 
ügung gestellt. Man sucht den Anbau von Flachs 
u fördern. Der planwirtschaftlichen Anpassung der 
nbaufläche an die Marktlage und den Bedarf sollte 
ie weiter von dem Landwirtschaftsministerium seit 
923 getroffene Einrichtung dienen, daß vor der 
lussaat im Herbst und Frühjahr Fragebogen an die 
'andwirte ausgegeben werden, in denen Erklärung 
arüber gefordert wird, welche Art der Fruchtbestel— 
ung im kommenden Wirtschaftsjahr beabsichtigt ist, 
n welchem Umfang die Anbauflaäͤche für die einzelne 
Fruchtart erhöht oder verringert werden wird. Die 
Antworten werden von den für den betreffenden 
andwirtschaftlichen Distrikt bestellten landwirtschaft— 
ichen Beamten weitergegeben. Das Landwirtschafts— 
ninisterium gibt das Ergebnis der Rundfrage für 
„ie Herbstsaak am 15. August und für die Früh— 
ahrssaat am 15. März bekannt und äußert sich da— 
uu, wie weit der beabsichtigte Anbau den heimischen 
Bedarf decken oder überschreiten und voraussichtlich 
in Export notwendig werden könnte, welche Nach— 
ichten über Ernteausfall und die beabsichtigte Aus— 
»ehnung der Anbaufläche in ausländischen Er— 
eugungsgebieten vorliegen und ob danach eine Auf— 
echterhaltung oder eine Einschränkung der nach den 
orliegenden Meldungen vorauszusehenden Anbau— 
läche sich empfiehlt. Die auf diese Weise versüchte 
rinwirkung auf die Entwicklung der Anbaufläche 
heint nicht unbedingt erreicht zu werden. So hatte 
er im Herbst 1925 von dem amerikanischen Land— 
zirtschaftsministerium herausgegebene Intentions 
o plante-zBericht vor der Ausdehnung der Weizen— 
inbaufläche, die nach den vorliegenden Meldungen 
zeabsichtigt set, gewarnt. Tatsächlich weist die Än— 
»aufläche für Weizen für 1926 doch zum erstenmal 
vieder ein Aufsteigen und eine nicht unerhebliche 
Steigerung gegenüber 1925 auf?). 
79) Hirsch, a. a. O. S. 186. 
59) The Official Record. United States Departement of 
Agriculture. Nr. 43 vom 28. Oktober 1925
	        
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