322 VI. Großhändler und Kleinhändler im deutschen Mittelalter.
Städten verlieh diesen Genossenschaften bald einen patrizischen
Charakter: sie schlossen sich gegen die Innungen der Handwerker,
aber auch der Krämer durchaus ab . . . Auch das Gedicht
des Rudolf von Ems . .. nennt die Genossenschaft der
großen Kaufleute wiederholt." Es ist nun schon oft genug vor
der kritiklosen Verwertung der Werke der höfischen Poesie des
Mittelalters für die Rekonstruttion der tatsächlichen Zustände
gewarnt worden. Steinhausen hätte diese Mahnungen beachten
und jich fragen sollen, welcher Landschaft der Dichter angehört,
woher sein Stoff stammt, welche Vorgeschichte dieser
hat. Er hätte aber auch in der Interpretation vorsichtiger sein
sollen. In Wahrheit nennt Rudolf von Ems nämlich gar keine
„Genossenschaft der großen Kaufleute“, gar keine Kaufmannsgilde!).
Und selbst wenn ein Dichter des 13. Jahrhunderts
die Vorstellung gehabt hätte, daß eine Großkaufmannsgilde
damals in Köln existierte –+ seiner Angabe würde nur insoweit
ein Wert zukommen, als sie in den echten Kölner Urkunden
ihre Bestätigung fände.
Man hat sich zu wenig die Frage vorgelegt, welche Kaufleute?)
es im Mittelalter gegeben hat, und zu wenig die Tat-1)
Das Gedicht ist von Mor. Haupt herausgegeben (1840). Alle
Stellen, die Steinhausen etwa im Sinne gehabt haben könnte, habe
ich verglichen. Nirgends bedeutet das Wort ..genôzschatt““ Gilde;
sondern es ist überall nur von Standes- nud allenfalls von Berufsgleichheit
die Rede, nicht von einem korporativen Zusammenschluß
der (oder gar: einiger) Berufsgenossen. Um ganz sicher zu gehen,
habe ich meine Interpretation durch meinen germanistischen Kollegen
Edw. Schröder prüfen lassen, der sie dann bestätigt hat. Vers 1132:
Gesamtheit der Standesgenossen. Vers 2814: kein einziger meiner
Standes-(Berufs-)genossen; einfach für: kein Kaufmann. Vers
3130 ff.: der gute Gerhard offeriert der Prinzessin den Eintritt in
seine Standesgemeinschaft. Vers 3484 f.: auf ihren (der Ritter)
Urteilsspruch hin wurde er ganz und gar ihres Gleichen, ihr Standesenosse
' ). der Göttinger Dissertation von P. Nolte, Der Kaufmann
in der deutschen Sprache und Literatur des Mittelalters (1909), vgl.
V.j.schr. f. Soz.- u. W.G. 1910, S. 564; Hansische Gbl. 1910, S. 310 ff.
Die Quellen kennen den „Großhändler“ als solchen nicht.