Object: Lebenserinnerungen

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auch Sekretär der preußischen ükademie, auch ein Hauptmitglied 
der Staatsprüfungen. Ohne ihn schien damals in Berlin nichts 
möglich. Wiederholt wurde er als Rektor und als Dekan erwählt. 
Üuch genoß er die persönliche Hochschätzung des Königs Wilhelm. 
Holskeiner Übstammung war er ein guter Preuße, er hatte dabei 
in politischen und religiösen Dingen eine gemäßigte Stellung, aber 
er vertrat stets seine Überzeugung mit voller Selbständigkeit. Qls 
er bei der ersten preußischen Synode durch allerhöchstes Vertrauen 
zum Mitglied ernannt wurde, hat er diese Ernennung mit Dank 
abgelehnt, da er wohl ein treues glied der protestantischen Kirche 
sei, sich aber nicht berufen fühle, am Qufbau kirchlicher Ord 
nungen mitzuwirken. Oie Ürbeitsfülle, welche gewöhnlich den 
Berliner gelehrten bedrückt, hat ihn leider verhindert, eine Psycho 
logie und eine Lthik zu vollenden, die ihn seit langer Zeit beschäf 
tigten. Seine aristotelischen Übungen suchten die Schüler zu selb 
ständigen Forschern zu erziehen. Line große Ünzahl bedeutender 
Staatsmänner und gelehrte sind aus dieser Schule hervorgegangen, 
so z. B. der Reichskanzler Freiherr v. Hertling, in Ümerika Prä 
sident Porter von Pale, in Rumänien der Ministerpräsident JHajo-- 
rescu. Die philosophische Denkweise verband sich ihm eng mit der 
geschichtlichen; auch die sprachliche Seite der Dinge fand sein volles 
Interesse. Die ihm eigentümliche Lehre von der Bewegung fand 
wenig Linklang, und im philosophischen System stand er Llristoteles 
zu nahe, die Kantische Umwälzung fand hier nicht ihre volle 
Würdigung. Über das ganze seiner Persönlichkeit und seines 
Schaffens gab feinem Streben eine innere Wärme, eine geistige 
Vornehmheit, eine innere Wucht; er war kraft seiner universalen 
und ethischen Ürt ein Lrzieher großen Stiles für ganze gene- 
rationen. Die Stimmung der folgenden Zeit war ihm nicht gün 
stig, sie hat oft das große verkannt, was Trendelenburg leistete 
und war. Unser persönliches Verhältnis hat sich bald aufs schönste 
gestaltet. Ich durfte ihn an den Sonnabend-Nachmittagen be 
gleiten und empfing dadurch vielfache llnregungen. Üuch von 
seiner Familie wurde nicht nur ich selbst, sondern auch meine 
Mutter in freundlicher, ^a herzlicher Weise aufgenommen. Üuch 
das war für mich ein gewinn, daß ich mit den bedeutendsten Ber 
liner gelehrten durch kleine Übendgesellschaften bei Drendelenburg 
zusammengeführt wurde. Drollig war mir dabei folgende Lpisodc. 
Line kleine gesellschaft bestand neben Lrendelenburg namentlich 
aus Mommfen und Haupt. Die beiden gerieten in eine Debatte 
darüber, welche gelehrten in der Polemik die schärfsten seien. 
Haupt erklärte, das seien ohne Zweifel die Theologen, denn bei der 
Trage des vermeintlichen Seelenheiles kenne die Üufregung und 
die Leidenschaft keine grenzen. Mommfen hörte das ruhig an und
	        
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