I. Einleitung.
Seit dem letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts ist ein Name
in dem Munde aller Gebildeten, der vorher nicht weit über den
engen Kreis der indischen Philologen und der Religionsforscher
hinaus bekannt war, der Name des Mannes, den wir gewohnt
sind mit seinem kirchlichen Namen Buddha zu nennen. Als
Buddha nach langem Sträuben den dringenden Bitten seiner Tante
und Stiefmutter Nabäprasäpati nachgegeben und Frauen in den
Orden aufgenommen hatte, prophezeite er, daß seine Lehre, die
sonst tausend Jahre gedauert haben würde, jetzt nur fünfhundert
Jahre bestehen würde. Buddha ist ein schlechter Prophet gewesen;
seine Prophezeiung hat sich nicht erfüllt. Im Gegenteil, die reli
giöse Bewegung, die ein halbes Jahrtausend vor Christus im Osten
von Indien entstanden ist, erwacht im zweiten Jahrtausend nach
Christus zu neuem Leben, ja, es könnte fast scheinen, als ob der
Buddha einen zweiten Triumphzug antreten solle, und zwar dies
mal nicht bloß durch die östliche, sondern auch durch die west
liche Welt.
Seit mindestens dem siebenten Jahrhundert nach Christus war
der Buddhismus in Indien in dauerndem Verfalle, um schließlich
in seiner Heimat völlig unterzugehen. Er hielt sich nur in Ceylon,
Hinterindien, Japan, Tibet und den Nachbarländern, z. T. auch
in China und dem Indischen Archipel. Jetzt ist eine starke Be
wegung im Gange, dem Buddhismus wieder Eingang in seine
alte Heimat zu verschaffen. 1891 wurde in Colombo auf Ceylon
die Mahäbodhi Society gegründet, die den Zweck verfolgt, den
Buddhismus zu verbreiten. Sie richtete ihr Augenmerk zunächst
auf Indien. Die Buddhisten rechnen die Laufbahn ihres Meisters
von dem Tage an, wo er unter dem Feigenbäume in Gaya im
östlichen Indien die „Erleuchtung" boäbi oder die „große Erleuch
tung" mahäbodhi erlangte. Dort in Gaya war ein Tempel er
baut worden, zu dem noch im siebenten Jahrhundert nach Christus
fromme Buddhisten bis aus China pilgerten. Im vierzehnten
ANuG 109: Pischel, Leben und Lehre des Buddha. 2. Aufl. 1