Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel IY. Friedrich List und die nationale Volkswirtschaftslehre. 305 
der Nationen lehrt, auf welche Weise jede einzelne Nation auf die 
jenige Stufe ökonomischer Ausbildung gehoben werden kann, auf 
welcher die Einigung mit anderen gleichgebildeten Nationen, folglich 
die Handelsfreiheit ihr möglich und nützlich sein wird“ 1 ). 
List unterscheidet verschiedene dieser „Wirtschaftsstufen“, wir 
würden heute sagen: dieser Formen wirtschaftlicher Verfassung. Er 
behauptet sogar, unter ihnen eine notwendige geschichtliche Reihen 
folge nachzuweisen. Es sind das: Der Zustand des Wilden, der des /, • 
Hirten, der des Agrikulturstaates, der des Agrikultnr-Mannfaktur- 
Staates nnd der des Agrikultur-Manufaktur-Handels-Staates 2 ). Eine 
Nation ist nur „normal“ 3 j, wenn sie diesen letzten Zustand erreicht 
hat. Hierunter versteht List, daß dies das Ideal ist, dem eine Nation 
nachstreben muß. Nur das gestattet ihr, eine Flotte zu besitzen, , 
1 ) Siehe Cotta’sche Ausg. 1841, S. 194; Siehe auch S. 238; an anderer Stelle 
'(S. 188) definiert er: „die politische oder National-Ökonomie, welche, von dem Begriff 
and der Natur der Nationalität ausgehend, lehrt, wie eine gegebene Nation bei der 
gegenwärtigen Weltlage und bei ihren besonderen Nationalverhältnissen ihre ökono 
mischen Zustände behaupten nnd verbessern kann.“ 
2 ) S. 260 Cotta. Ausg. 1841. Das Beispiel England’s hat List zu dieser Auf 
fassung Anlaß gegeben; sie beruht aber auf einem geschichtlichen Irrtum. England 
hat seine Flotte, seine Kolonien und seinen internationalen Handel vor seinem 
Manufakturwesen entwickelt. Seit List sind zahlreiche Schemata der wirtschaftlichen 
Entwieklungsphasen der Nationen vorgeschlagen worden. Hildebbandt unterschied 
■die Natural-, die Geld- und die Kredit-Wirtschaft (Jahrbücher für National 
ökonomie, Bd. II, S. 1—24). Bücher hat an Stelle dieser Aufzählung die Auf 
einanderfolge von Haus-, Stadt- und Volkswirtschafts-Perioden gesetzt (Die Ent 
stehung der Volkswirtschaft, 37 Ausg.).’ Sombaet hat seinerseits nicht ohne 
Grund diese Einteilung in seinem Buch: Der moderne Kapitalismus (Bd. I. 
S- 51 ff,, Leipzig 1902) kritisiert, doch ist es die Frage, ob die, die er vorsehlägt, 
dauerhafter sein wird! 
Man hat, glauben wir, nicht bemerkt, daß List selbst die Aufzählung der ver 
schiedenen wirtschaftlichen Perioden fast vollständig A. Smith entlehnt. Im V. Kap. 
des II. Buches des Völkerreichtums, in dem er von der verschiedenen Anwendung 
T on Kapitalien spricht, unterscheidet er gerade drei solcher Entwickluugsperioden: 
die landwirtschaftliche, die manufaktur-landwirtschaftliche und die landwirtschaftliche 
Manufaktnr-Handels-Periode. Smith hält die letztere für die vorteilhafteste; nur 
muß man, nach ihm, die Verwirklichung dieser dritten Periode von dem „natürlichen 
Lauf der Dinge“ erwarten. 
3 ) S. 257, Cotta. Ausg. 1841. Wir treffen hier auf die Anwendung eines der 
unbestimmtesten und vieldeutigsten Begriffe der Volkswirtschaft. Es wäre wünschens 
wert, die Wissenschaft überhaupt von ihm zu befreien. Bekannt ist, zu welchen 
Streitigkeiten die Idee des normalen Lohnes und des normalen Preises Anlaß 
gegeben hat, es ist eins der Verdienste der mathematischen Schule, an seine Stelle 
den Begriff des Gleichgewichtspreises gesetzt zu haben. Der Begriff von einer 
. 0r mal-Nation ist ebenso wenig genau, wie der des Normal-Lohnes, und es ist ganz 
interessant zu sehen, wie List als „normal“ ein Ganzes von charakteristischen 
Eigenschaften beschreibt, das, wie er selbst gesteht, zur Zeit als er schrieb, nur eine 
®mzige Nation. England, in sich vereinigte. 
Gide und Rist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen. 
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