Die Interventionisten
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mit dem Neudruck des Ottschen Lehrbuchs im Jahre 1892 und
dem damit zusammenhängenden Aufkommen des heutigen
christlichen Sozialismus läßt sich der direkte Einfluß der früheren
auf die heutige sozialkatholische Schule nachweisen.
Die Entstehungsgeschichte dieser Schule ist kurz folgende 1 ):
Der Industrielle Maurice Maignen, Sohn eines Leibgardisten
Ludwig XVIII., gründete 1852 in Paris unter dem Pseudonym
Maurice le Prévost einen Wohltätigkeitsverein, der sich
speziell mit der Organisation von Lehrlingsvereinen befaßte.
1855 ging Maignen einen Schritt weiter und sammelte einige
der aus diesen „Patronages d’apprentis“ h er vorgegangenen Ge
sellen um sich zu einem Gesellenverein unter dem Namen
„Association des jeunes ouvriers de Notre Dame de Nazareth“.
Nach außen hin sowohl als für ihre Mitglieder hatte die Ver
einigung lediglich einen religiös-geselligen Zweck. Maignen
aber sah darin nichts weniger als eine Vorstufe zur Wiederher
stellung der Zünfte. Er hatte seine Jugend „als Arbeiter in den
Pariser Vororten verlebt; das Elend und die Verwahrlosung der
dortigen Arbeiterbevölkerung hatte tiefe Eindrücke in ihm
hinterlassen und, zu Wohlstand gelangt, faßte er den Entschluß,
sein Leben der Besserung der materiellen und sittlichen Lage
der Arbeiter zu widmen. Die legitimistische Erziehung, die er
im Elternhause genossen, lenkte seine Gedanken naturgemäß
auf die Einrichtungen des ancien régime, und der Einfluß Louis
Veuillots und de Meluns förderten in ihm das Ausreisen
der Überzeugung, daß die Lösung der Arbeiterfrage nur von
der korporativen Organisation der Gewerbe zu erwarten sei.
1865 nahm sein Gesellen verein den Namen „Cercle des
jeunes ouvriers“ an. 1867 bereiste er die Rheinprovinz, um die
von Kolping ins Leben gerufenen „sozialen Vereine“ zu studieren,
und kehrte dann nach Frankreich zurück, nunmehr von der
Notwendigkeit, die alte Zunftverfassung wieder herzustellen, fest
überzeugt.
Kurz nach Niederwerfung der Pariser Commune 1871 trat
Maignen mit zwei französischen Offizieren: Marquis René de
la Tour du Pin und Graf Albert de Mun, von denen er gehört
*) Victor de Clercq, Les Doctrines sociales catholiques en France, 3. Aufl.
1905, Bd. II, p. 10 ff.