139
eines Professors findet er ihrer so viele, daß er diese Frage nur
verdunkelt. Er unterscheidet „formelle und reale Existenz
bedingungen“ des Handwerks.
Zu den „formellen“ zählt er: 1. Ermöglichung handwerks
mäßiger Selbständigkeit; 2. Übermittelung des handwerks
mäßigen Könnens; 3. Schutzgesetzgebung.
Als „reale“ Existenzbedingungen erscheinen: 1. Gestaltung
der BevölkerungsVermehrung; 2. Technik; 3. Gestaltung der Ab
satzverhältnisse u. a. m.*)
Der geehrte Volkswirt könnte natürlich noch mehr solche
„Existenzbedingungen“ anführen und würde dennoch in der
Frage des Untergangs des Handwerks keinen Schritt weiter
kommen. Eben deshalb, weil er das entscheidende Moment
ganz außer acht läßt, nämlich den Stand und die Entwicklung
der Produktivkräfte.
Selbstredend sind gewisse Bedingungen notwendig, wenn
eine Wirtschaftsform existieren soll. Auch der Kapitalismus be
darf diese Bedingungen. Was hat aber diese „Bedingungen“ sowie
die Wirtschaftsform geändert? Wenn wir die Lage der Gewerbe
treibenden in der Stadt Kusnezk mit der der mittelalterlichen Hand
werker vergleichen, fällt uns bald die große Ähnlichkeit in der
Entwicklung des Gewerbes auf, obgleich die „Existenzbedingun
gen“ beider sehr verschieden sind: eine andere Gesetzgebung,
eine andere Bevölkerungsvermehrung usw. Dagegen ist die Pro
duktivität der Arbeit des Handwerks sich gleich geblieben, daher
auch die auffallende Ähnlichkeit in der Entwicklung des Ge
werbes und in der dadurch bedingten Nachfrage nach Hand
werkererzeugnissen. Sobald aber in irgend einer Produktions
sphäre die Arbeitsproduktivität so gestiegen ist, daß die Pro
duktion die Nachfrage dauernd übersteigt, so wird auch das
stabile Gleichgewicht gestört, in dem sich das Handwerk be
findet, und die von Sombart aufgezählten Bedingungen werden
die Umwandlung des Handwerks in einen Kustarbetrieb nicht
aufhalten.
') Der moderne Kapitalismus I, S. 122 ff.