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,Zur sozialwissenschaftlichen Begriffsbildung“,
die sogenannte „Wirtschafts- und Sozialgeschichte“ bedient. Ihr
eigentlicher Belang ist aber mittelbarer Natur: Indem sie das idio-
graphische Verfahren als solches darlegt, schafft sie die unentbehrliche
Vorbedingung dafür, über das Verhältnis des nomothetischen
zum idiographischen Erkennen für den Teil der Sozialwissen
schaft ins klare zu kommen. So bahnt sie die Lösung jenes
fundamentalen Problems unserer Methodologie an.
Dies war um so schärfer zu betonen, als im folgenden dem Buch
staben nach von Sozialwissenschaft gar nicht gesprochen wird. Es
scheint zwar das Natürliche, daß ich das idiographische Verfahren an
Beispielen erläutere, die der „Wirtschafts- und Sozialgeschichte“ ent
nommen würden. Allein, nach der ganzen Anlage dieser Unter
suchungen muß das sozial wissenschaftliche Denken jeglicher Spielart
so lange ferngehalten bleiben, bis es dann selber als Problem an
die Reihe kommt. So wird sich erst der nächste Aufsatz — »Der
Stoff der Sozialwissenschaft“ — der Eigenart des sozialwissenschaft
lichen Denkens zu nähern suchen; diese Eigenart wirklich zu erfassen,
bleibt dem dritten Aufsatz Vorbehalten, der sich dem Verhältnis
zwischen Sozialwissenschaft und Geschichte zuwendet. Darum ist es
mir auch verwehrt, die Beispiele dem historischen Denken i. e. S. zu
entlehnen, so innig auch dessen Beziehungen zur Idiographie sein
mögen. Da ist es ein willkommener Zufall, daß uns allen ein idio-
graphisches Denken geläufig ist, das eher noch als neutral erscheint
und dabei recht anschaulich verfährt: Unsere populär-geo
graphischen Vorstellungen, wie sie uns Schule, Reise, all
tägliche Umgebung zubringen. Ausschließlich aus diesem Vorstellungs
kreis schöpfe ich meine Beispiele. Daraufhin nun gewinnt die Unter
suchung erst recht einen „unfachlichen“ Habitus, der aber ihrem Belang
für unsere Methodologie keinen Abbruch tut.
Mit geographischer Methodologie dagegen hat sie im Prinzip
gar nichts zu tun. Der Zufall der Beispiele — die übrigens ihren Beruf
verfehlen würden, hätte ich sie nicht „laienhaft“ gewählt und ebenso
durchgedacht — ändert nichts daran, daß die Geographie nicht in
höherem Grade mitbeteiligt erscheint als jede andere Wissenschaft,
die irgendwie auch am idiographischen Verfahren interessiert ist.