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Die katholischen und verwandten Richtungen
„das Gesetz der Entstehung der sozialen Erscheinungen, welches
die Zukunft des Menschengeschlechtes vorauszusehen ermöglicht“,
zu finden. Der positive Inhalt seiner Gesellschaftslehre gipfelt
in dem Satze, das Individuum sei da für die Gesellschaft, nicht
aber die Gesellschaft für das Individuum. Der Mensch kann
nur in Gesellschaft leben; die Gesellschaft hat aber einen ge
meinsamen Betätigungszweck für alle ihre Mitglieder. Die Er
reichung desselben macht eine Regierung nötig, „welche die ver
schiedenen Tätigkeiten und ihre Formen nach der Ordnung regelt,
welche das zu erstrebende Ziel seiner Natur nach verlangt“ x ).
Bûchez hat eine große Vorliebe für das Mittelalter; dem
Vorstellungskreis der Feudalzeit entnimmt er die für die heutige
Schule de la Tour du Pins und de Muns grundlegende
Auffassung des Eigentums und der Arbeit als soziale oder ge
sellschaftliche Funktionen 2 ). Bûchez’ Begeisterung für die,
durch ein stark idealisierendes Temperament gesehene, korpo
rative Organisation des Handwerks im hohen Mittelalter ver
anlaßte ihn, in der Produktivgenossenschaft, in welcher er eine
Nachbildung jener Organisation sah, das Mittel zur sozialen
Neuordnung zu präkonisieren. 1834 gründeten vier Goldarbeiter
unter Bûchez’ Patronat eine solche Genossenschaft. Jeder
brachte sein Handwerkszeug und einiges Kapital in die Gesell
schaft ein. Nach dem Gründungsstatut sollte das Gesellschafts
kapital, wie einst die Zunftpatrimonien, ewiges, unaufteilbares
Eigentum der Genossenschaft bleiben. Zudem sollte es jährlich
um x / 5 des erzielten Reingewinnes vermehrt werden. Bûchez
hoffte durch eine derartige Organisation der Gewerbe die Pro
duktionsmittel nach und nach auf friedlichem Wege in ge
nossenschaftlichen Besitz zu bringen.
Die von Bûchez ins Leben gerufene Produktivgenossen
schaft hielt sich bis 1870. Sie gab zeitweise eine Zeitschrift
l’Atelier heraus, welche der Propaganda für Buchezsche Ideen
diente. Von diesen gingen auf die heutigen katholischen, sozial
ökonomischen Schulen über : die historische Auffassung der
Volkswirtschaft, die Wertschätzung der korporativen Wirt
schaftsordnung des Mittelalters und last not least das Postulat
der genossenschaftlichen Organisation der Produktion.
0 Bûchez, loe. eit. p. 46.
-) Bûchez, loe. eit. p. 57 ; vgl. M. Eblé, loe. eit. p. 24—25.