Konziliare Bewegung, Wiener Konkordat vom Jahre 1448. 393
So begreift sich, wenn kirchlich und unkirchlich Gesinnte
schon gegen Schluß des 14. Jahrhunderts in der Verdammung
der Kirche einig waren. Es ist freilich wohl das Urteil
eines Eiferes, wenn Ruysbroek (1294 — 1881) meint, auf
hundert Priester komme kaum ein guter; den Pfründenkäufern
sei alles Geistliche feil; die Bischöfe aber kümmerten sich wenig
um den Kirchendienst: ein Glück, wenn sich unter ihnen noch
Gutgesinnte fänden. In der Nation als Ganzem aber erhob
sich allmählich ein grimmiger Haß gegen das religionsfeindliche
Treiben der Kirche; er ward genährt von empörten Volksred—
nern geistlichen Standes; er zeitigte Reformvorschlag auf
Reformvorschlag, und er konnte in so furchtbaren Versen aus—
münden, wie in jenem wunderlichen Gemisch von Blutdurst
und Andacht:
Wir wollen Gott im Himmel klagen,
Kyrie eleison,
Dass wir die Pfaffen nit sollen zu Tode sehlagen:
Kyrie ecleison!
Und doch: was besagte der Verfall der deutschen Kirche
gegenüber dem furchtbaren Ruin, in den sich das Haupt der
Christenheit, der Papst, versetzt sah!
Das Papsitum hatte im 11. Jahrhundert den Übergang
von Weltentsagung zu Weltbeherrschung scheinbar glänzend
vollzogen; seitdem zogen die Gedanken päpstlicher Universal—
gewalt fruchtbar in alle Welt. Auch in den nächstfolgenden
Jahrhunderten ward man des tiefen Sinns der Sage noch
wenig inne, wonach, als Kaiser Konstantin seine angebliche
Schenkung an Papst Silvester vollzogen hatte, ein Engel vom
Himmel herabgerufen haben sollte: nun sei die Kirche vergiftet.
Zwar klagte schon der h. Bernard resigniert über die Stall—
meister und Mundköche des Statthalters Christi; aber erst im
Laufe des 183. Jahrhunderts wuchs sich das Papsttum in seinen
Ansprüchen und Gewohnheiten zur vollen weltlichen Großmacht,
ja Allmacht aus.
Val. Bd. V, 1 S. 124.