Full text: Die Nationalökonomie in Frankreich

Die Gruppe der Historiker 
147 
zu lösen. Dazu bedarf man vielfacher Erwägungen, die andern 
Wissenszweigen entlehnt sind. Der Volkswirt vermag die Auf 
gaben, die ihm gestellt sind, nur dann zu gutem Ende zu 
führen, wenn „sein Geist durch allgemeine wissenschaftliche 
Studien geschmeidig gemacht wurde und von der Idee der 
Relativität vollständig durchdrungen ist“ *). 
Das besondere Augenmerk, welches A. Liesse für die 
vielseitige Bedingtheit und die Komplexität der wirtschaftlichen 
Erscheinungen hat, kommt nicht nur in der reinlichen Schei 
dung zwischen orthodoxer Theorie und opportunistischer Wirt 
schaftspolitik zur Geltung, sondern es äußert sich auch in der 
großen Umsicht und dem kritischen Sinn, die er bei der 
Aufnahme, Prüfung und Gruppierung von Beobachtungen be 
kundet. Seine oben angeführten Werke bieten dafür zahlreiche 
Belege. Man mag in dieser Art etwas wie eine Subtilisierung 
des gesunden, hausbackenen Sinnes von Léon Say erkennen; 
Liesse war eng befreundet mit diesem und hat viel mit ihm 
zusammen gearbeitet. 
Paul Guiraud ist ein Historiker aus der Schule des be 
rühmten Fustel de Coulanges. Er macht die Wirtschaftsgeschichte 
des Altertums zum Gegenstand seiner Spezialforschungen 1 2 ). 
Seine Schriften, welche durch präzise Quellenanalyse und 
plastische, lebendige Darstellung gekennzeichnet sind, dienen 
dem Bestreben, nachzuweisen, daß die wirtschaftlichen Fragen 
im Altertum nicht weniger bewußte Bedeutung hatten als heute 
und häufig die Politik bestimmten. Er hebt z. B. hervor, daß 
Thukydides in den ersten Kapiteln seiner griechischen Ge 
schichte nur von wirtschaftlichen Fragen spricht, um das frühere 
Griechenland zu kennzeichnen. Eine der größten Umwälzungen 
der Vergangenheit, die Einführung der itgamg in den meisten 
hellenischen Stadtstaaten, ist für den griechischen Historiker 
in erster Linie eine Folge des wachsenden Wohlstandes. Guiraud 
sucht auch den römischen Imperialismus ökonomisch zu er- 
1) A. Liesse, loe. eit. p. 259. 
2 ) Paul Guiraud, La Propriété foncière en Grèce jusqu’à la conquête 
romaine, Paris, 1893. — Fustel de Coulanges, Paris, 1896. — La Main d’Oeuvre 
industrielle dans l’ancienne Grèce, Paris, 1900. — La Vie privée et la Vie pub 
lique des Grecs, Paris, 1892, 3. Ausi. 1901. — Etudes économiques sur l’Anti 
quité, Paris, 1905.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.