Die Gruppe der Historiker
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zu lösen. Dazu bedarf man vielfacher Erwägungen, die andern
Wissenszweigen entlehnt sind. Der Volkswirt vermag die Auf
gaben, die ihm gestellt sind, nur dann zu gutem Ende zu
führen, wenn „sein Geist durch allgemeine wissenschaftliche
Studien geschmeidig gemacht wurde und von der Idee der
Relativität vollständig durchdrungen ist“ *).
Das besondere Augenmerk, welches A. Liesse für die
vielseitige Bedingtheit und die Komplexität der wirtschaftlichen
Erscheinungen hat, kommt nicht nur in der reinlichen Schei
dung zwischen orthodoxer Theorie und opportunistischer Wirt
schaftspolitik zur Geltung, sondern es äußert sich auch in der
großen Umsicht und dem kritischen Sinn, die er bei der
Aufnahme, Prüfung und Gruppierung von Beobachtungen be
kundet. Seine oben angeführten Werke bieten dafür zahlreiche
Belege. Man mag in dieser Art etwas wie eine Subtilisierung
des gesunden, hausbackenen Sinnes von Léon Say erkennen;
Liesse war eng befreundet mit diesem und hat viel mit ihm
zusammen gearbeitet.
Paul Guiraud ist ein Historiker aus der Schule des be
rühmten Fustel de Coulanges. Er macht die Wirtschaftsgeschichte
des Altertums zum Gegenstand seiner Spezialforschungen 1 2 ).
Seine Schriften, welche durch präzise Quellenanalyse und
plastische, lebendige Darstellung gekennzeichnet sind, dienen
dem Bestreben, nachzuweisen, daß die wirtschaftlichen Fragen
im Altertum nicht weniger bewußte Bedeutung hatten als heute
und häufig die Politik bestimmten. Er hebt z. B. hervor, daß
Thukydides in den ersten Kapiteln seiner griechischen Ge
schichte nur von wirtschaftlichen Fragen spricht, um das frühere
Griechenland zu kennzeichnen. Eine der größten Umwälzungen
der Vergangenheit, die Einführung der itgamg in den meisten
hellenischen Stadtstaaten, ist für den griechischen Historiker
in erster Linie eine Folge des wachsenden Wohlstandes. Guiraud
sucht auch den römischen Imperialismus ökonomisch zu er-
1) A. Liesse, loe. eit. p. 259.
2 ) Paul Guiraud, La Propriété foncière en Grèce jusqu’à la conquête
romaine, Paris, 1893. — Fustel de Coulanges, Paris, 1896. — La Main d’Oeuvre
industrielle dans l’ancienne Grèce, Paris, 1900. — La Vie privée et la Vie pub
lique des Grecs, Paris, 1892, 3. Ausi. 1901. — Etudes économiques sur l’Anti
quité, Paris, 1905.