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V. Theil. Statistik der Sterblichkeitsverhältnisse.
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Die nächstfolgenden Kapitel werden sich damit beschäfti
gen, die Hauptresultate, welche sich durch die besprochenen
Tabellen allein oder deren Verbindung mit Tabellen der frühe
ren Abtheilung ergeben, nach verschiedenen Richtungen hin
näher zu beleuchten, sowie solche Vergleiche zwischen den
diesseitigen und anderweitigen Erfahrungen anzustellen, welche
sich auch ohne eine vorangegangene Ausgleichung vornehmen i
lassen. Um dem Leser die gleichzeitige Zuhülfenahme anderer
Werke möglichst zu ersparen, wurden die bekanntlich eine so
grosse Rolle spielenden Sterblichkeitsprocentsätze und die
Decremententafeln der Lebenden der hauptsächlich heran
zuziehenden Listen auf einer besonderen Tabelle (XXXV) zu
sammengetragen, auf welche hiermit aufmerksam gemacht
werden möge.
II. Kapitel.
Die Sterblichkeit im Allgemeinen.
Das einfachste und nächst liegende Hülfsmittel, dessen man
sich bedienen kann, um ohne Vornahme einer weitläufigen
Ausgleichung der für die einzelnen Jahre berechneten Sterbens
wahrscheinlichkeiten einen Ueberblick über den allgemeinen
Verlauf der Sterblichkeit zu gewinnen, besteht bekanntlich
darin, dass man die Resultate in mehrjährige, gewöhnlich 5-
oder 10 jährige Altersklassen, zusammenfasst. Diese Zusammen
fassung ist fast stets auch bei Beobachtungen von beschränkterem
Umfange von dem gewünschten Erfolg; sie liefert Resultate,
welche eine weit grössere Gesetzmäsigkeit aufweisen, als die
auf die einzelnen Altersjahre bezüglichen Resultate und zwar, wie
nebenbei bemerkt sein möge, nicht blos deshalb, weil mit den
grösseren Beobachtungszahlen die zufälligen Abweichungen relativ
kleiner werden, sondern zum Theil auch deshalb, weil die
Unterschiede in der Sterblichkeit mit dem Auseinanderrücken
der Alter sehr erheblich wachsen und somit bei Zugrunde
legung mehrjähriger Altersklassen alle zufälligen Störungen
hinter diesen grossen Differenzen ganz zurücktreten. Sobald
es sich indessen nicht blos um einen einfachen Ueberblick
über die relative Höhe der Sterblichkeit der verschiedenen
Altersklassen für denselben Beobachtungskreis, für dieselbe
Tafel, handelt, sondern darum, Vergleiche zwischen der Sterb
lichkeit verschiedener Beobachtungsgebiete, Vergleiche anzu
stellen zwischen Grundbeobachtungen einerseits und fertigen
(ausgeglichenen) Sterblich keil stafeln andererseits, ist mit der
einfachen Zusammenfassung der ersteren nach Altersklassen
die Aufgabe offenbar noch nicht beendet; es entsteht nunmehr
die Frage, in welcher Weise aus den anderen Listen die zum
Vergleich heranzuziehenden Zahlen berechnet werden sollen,
da diese Listen die Sterblichkeitsprocentsätze stets für einzelne
Jahre zu enthalten pflegen. Früher half man sich so, dass
man, ebenso wie man für die Grundbeobachtungen die »Leben
den unter Risioo« und die aus denselben hervorgegangenen
Sterbefälle zusammen gefasst hatte, nun auch in der fertigen,
zum Vergleich heranzuziehenden Liste, die Lebenden und die
Sterbenden für die betreffenden Alter addirte und dann den
Quotienten aus den somit gewonnenen Summen der Lebenden
und Sterbenden als den betreffenden Sterblichkeitsprocentsatz
ansah, während man jetzt vielfach der Rechnung die Lebenden |
und Sterbenden der Grundbeobachtungen gar nicht zu Grunde
legt, sondern aus den für die einzelnen Altersjahre gefundenen
Sterbenswahrscheinlichkeiten der Grundbeobachtungen das Mittel
zieht und diese Zahl alsdann mit dem genau ebenso gebildeten
Mittel aus der fertigen Tafel vergleicht. Aber auch diese
Methode hat, ebenso wie die frühere, ihre Uebelstände. Die
frühere lässt ausser Acht, dass die »Lebenden unter Risico«
der Grundbeobachtungen sich innerhalb der bezüglichen grösseren
Altersklassen ganz anders über die einzelnen Alter vertheilen,
als die künstlich (d. h. durch Ableitung aus den Sterblichkeits
procent Sätzen) hergestellten Zahlen der Lebenden der fertigen
Sterblichkeitstafel, und dass deshalb die für die Grundbeob
achtungen und die fertige Tafel berechneten Summen der
Lebenden und Gestorbenen sich nicht genau auf dieselben
Durchschnittsalter beziehen. Die neuere Methode lässt das
Gewicht unberücksichtigt, welches den Zahlen der Lebenden
und Gestorbenen der einzelnen Altersjahre mit Rücksicht auf
ihre Grösse in den Grundbeobachtungen zukommt und welches
namentlich in den jüngeren und höheren Altern ein sehr ver
schiedenes sein kann, wodurch zufällige Abweichungen der
einzelnen Altersjahre nur unvollkommen ausgeglichen werden,
so dass hier gerade der hauptsächlichste Zweck der Zusammen
fassung, die Ausmerzung der zufälligen Fehler, nur ungenügend
erreicht wird. Wir haben deshalb in den folgenden Untersuch
ungen und Vergleichen, in welchen eine Betrachtung der Sterblich
keit ausschliesslich nach grösseren Altersklassen stattfinden wird,
es vorgezogen, ein drittes, ganz selbständiges Verfahren anzu
wenden, welches von den Mängeln der beiden oben geschilderten
Methoden frei ist und unserer Ansicht nach nur den einen
Uebelstand hat, dass es in der Anwendung sich etwas um
ständlicher darstellt. Das Verfahren läuft einfach darauf hinaus,
dass man zunächst ebenso wie bei der alten Methode die
Summe der Lebenden unter Risico und die Summe der Ge
storbenen für die in Frage stehende Altersklasse bildet, alsdann
aber nach der fremden zum Vergleich heranzuziehenden Liste
die Anzahl der rechnungsmäsigen Sterbefälle berechnet, welche
jene Grundbeobachtungen (Lebende unter Risico) ergeben haben
würden, wenn anstatt der wirklich beobachteten Sterblichkeit,
die Sterblichkeit der letzteren Liste gewaltet hätte, — was
offenbar dadurch geschieht, dass man die Lebenden unter
Risico der Grundbeobachtungen in den einzelnen Altern mit
den Sterbenswahrscheinlichkeiten der fertigen Liste multiplicirt
und die Resultate summirt — und alsdann einerseits den für
die wirklich beobachteten Gesammtzahlen und andererseits den
aus der beobachteten Gesammtzahl der Lebenden und der
rechnungsmäsigen Zahl der Sterbefälle sich ergebenden Procent
satz bestimmt, welche beiden Sätze dann die eigentlichen
Vergleichszahlen darstellen. Das Verfahren wird am besten
durch concrete Zahlen erläutert werden; es möge deshalb hier
das Bruchstück einer wirklich durchgeführten Rechnung, welche
den Vergleich der Gothaer allgemeinen Sterblichkeit mit der
Gothaer Bankliste zum Gegenstand hat, Platz finden.
(Siehe Seite 58.)
Die auf diese Weise berechneten Procentsätze gewähren
natürlich einen genauen Maasstab für die relative, nicht aber
für die absolute Sterblichkeit der einzelnen Tafeln, da die Höhe
der ersteren offenbar nicht blos von den Sterbenswahrschein
lichkeiten der herangezogenen Tafeln, sondern auch von der in
der mannigfaltigsten Weise möglichen Vertheilung der Lebenden
der Grundbeobachtungen abhängt. Um aber auch für die
absolute Sterblichkeit einen Anhaltepunkt zu gewinnen, haben
wir in den angestellten Vergleichen fast überall noch die
Durchschnittsalter der Lebenden unter Risico für die bez.
grösseren Altersklassen hinzugefügt, welche ersteren ohne merk-