Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 261
unseres eigenen Vergnügens mit dem außer uns an anderen
zu wirkenden, weit entfernt, der menschlichen Natur zum Vor—⸗
wurf zu gereichen, ist ihr“ seiner Meinung nach „die größte
Ehre“. Es ist jener Untergrund psychologischer Auffassung,
aus dem die Sehnsucht nach intimen gegenseitigen Beziehungen,
ja mehr: der enthusiastische Freundschaftskult als eines der
auffallendsten Wahrzeichen des frühen Subjektivismus hervor⸗
quillt. Wie tief ergreifend klingt doch dieser Kult schon jen—
seits der Jahre seiner eigentlichen Blüte noch in Schillers
Don Carlos nach, da der Prinz den Marquis Posa nach
längerer Trennung zum erstenmal wiedersieht:
Ist's möglich?
Ist's wahr? Ist's wirklich? — Bist du's? — O, du bist's!
Ich drück' an meine Seele dich, ich fühle
Die deinige allmächtig an mir schlagen!
Und wie gewinnt dieser Kult in seinem eigensten Kern, in
dem Aufgehen der Persönlichkeiten der Freunde ineinander, in
diesem Aufsaugen zu einem einzigen, ununterschiedenem Ganzen
Aassisch-zypischen Ausdruck in Goethes Versen:
Selig, wer sich vor der Welt
Ohne Haß verschließt,
Einen Freund am Busen hält
Und mit dem genießt,
Was, von Menschen nicht gewußt
Oder nicht bedacht,
Durch das Labyrinth der Brust
Wandelt in der Nacht.
In den starken Zeiten des Freundschaftskultes aber schließt
man heilige Bünde zu Mondnachtsstunden im Eichengrund und
vereint sich im Kusse mit dem Freund wie mit einem zweiten
Gewissen; Bruder oder auch Seelenbruder und Freund werden
dentische Begriffe; und wenn man scheiden muß, da scheint
wohl erst recht die eine Seele in die andere zu fließen, bis
man in letzten Umarmungen, letzten Blicken: in schrillem Risse
der Seelen voneinander scheidet. Aber die voneinander Ge—
trennten tröstet ein zu ganzen Bergen von Papier anwachsender