Full text: Finanzwissenschaft

B. VI. Abschnitt. Die volkswirtschaftlichen Postulate des Steuersystems. 315 
könnte; sie soll gewissermaßen für die Volkswirtschaft unbemerkbar 
wirken und schaffen. Sie störe weder die Produktion, noch die 
Konsumtion, weder den Verkehr, noch die Einkommensverteilung 
in ihrer natürlichen Gestaltung. Vom Standpunkte der Produktion 
wird insbesondere gewünscht, daß die Steuer die Produktionskräfte 
nicht angreife, und zwar weder das Kapital noch die Arbeitskraft; 
sie hindere nicht die zweckmäßigen Einrichtungen und Methoden 
der Produktion; sie ändere nicht die relativen Beziehungen der 
einzelnen Produktionszweige zueinander und deren naturgemäße 
örtliche Verteilung. Die Steuer mindere nicht das Streben der 
Kapitalbildung, wenn auch die wortgemäße Wahrheit des Ricardo- 
schen Satzes, wonach alle Steuern die Tendenz haben, die Kraft 
der Akkumulation zu schwächen, nicht zu leugnen ist !). Die Steuer 
störe nicht die Entfaltung der Arbeitskraft und deren entsprechende 
Verwendung. Nichts ist charakteristischer für die kapitalistische 
Denkart der älteren Volkswirtschaftslehre als die Tatsache, daß 
sie bei Besprechung der volkswirtschaftlichen Postulate des Steuer- 
wesens fast ausschließlich nur von der Schonung des Kapitals 
sprach. Was die Konsumtion betrifft, so soll die Steuer die Kon- 
sumtion des Volkes nicht herabmindern; sie soll nicht das Resultat 
herbeiführen, daß das Volk seine Bedürfnisse in Waren schlechterer 
Qualität zu befriedigen gezwungen sei oder überhaupt die Befrie- 
digung wichtiger Bedürfnisse unterdrücken müsse. Den Verkehr 
stört die Besteuerung namentlich dadurch, daß sie denselben vielen 
lästigen Kontrollen unterwirft, denselben an gewisse Verfahren, an 
gewisse Zeitpunkte und Orte bindet. 
Die Beobachtung der volkswirtschaftlichen Postulate ist schon 
aus dem Grunde wichtig, weil häufig die Erfahrung gemacht wer- 
den kann, daß der Staat auf dem Gebiete der Volkswirtschafts- 
politik Opfer bringt zur Beförderung gewisser wirtschaftlicher Inter- 
essen, welche er dann auf dem Gebiete des Steuerwesens schwer 
verletzt und so mit sich selbst in kostspieligen Widerspruch kommt. 
Von volkswirtschaftlichem Standpunkte besitzen noch die folgen- 
den Umstände Bedeutung: richtige Wahl aller wichtigen Faktoren 
des Steuerwesens, aller wichtigen Elemente, so der Steuersubjekte, 
der Steuerobjekte, der Steuerquellen usw. Wohin eine schlechte 
Wahl der Steuerobjekte führt, dafür gibt es viele Beispiele. Als 
Mehmed Ali die Dattelpalmen besteuerte, wurden dieselben vom 
Volke ausgerottet, während eine doppelt hohe Grundsteuer keine 
nachteiligen Wirkungen hatte. Mit Recht sagt Quesnay, nicht 
l) Works, S. 88.
	        
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