486 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. 1944
hervorgerufen werde. Dem egoistischen Interesse der Unternehmer ständen zu schwache
Gegengewichte gegenüber. Besser werde es nur, wenn die Solidarität der Unternehmer
und Arbeiter anerkannt werde, wenn die ersteren für die Arbeiter im Falle der Krank—
heit, des Alters, der Unfälle, der Arbeitslosigkeit sorgten, wenn die große Masse des
Volkes konsumtionsfähiger werde.
Haben Malthus und Sismondi auch mancherlei übersehen, wie z. B. die Nach—
frage, welche in den Händen der Kapital Ersparenden und es produktiv Anwendenden
entsteht, so waren sie doch die ersten, welche das doktrinäre Übersehen aller komplizierten
Zwischenglieder zwischen Produktion und Konsumtion korrigierten; sie beobachteten und
würdigten die Schwierigkeiten, die ihrer steten Anpassung entgegenstehen. Die nächste
Generation hat im ganzen nicht viel Neues gebracht; die einen, die abstrakten Theoretiker,
sichlossen fich Say und Riecardo, die anderen Malthus und Sismondi an. Von den vierziger
Jahren an aber haben die Socialisten die Anklage der letzteren erweitert, die Krisen
aus der ganzen heutigen unvollkommenen Wirischaftsordnung abgeleitet, fie als deren
Folge und Totengräber darzustellen gesucht.
Proudhon führt die Krisen auf das Eigentum und den Kapitalzins zurück,
will fie durch unentgeltlichen Kredit heilen; ein ganz phantastischer Gedanke. Louis
Blanc hat die Sünden der freien Konkurrenz verfolgt und dargestellt. Rodbertus
erklärt die Krisen nicht aus dem geringen Anteil der Volksmasse an der Produktion
an sich, sondern aus dem Fallen des Arbeitsanteiles an ihr bei steigender Produktivität.
Martx sieht in ihnen die Folge des Sinkens der Profitrate und der Akkumulation im
System der kapitalistischen Wirtschaftsordnung; sie sind ihm das Zeichen, daß die Pro—
duktivkräfte der heutigen bürgerlichen Eigentums- und Produktionsordnung über den
Kopf gewachsen sind; nur vorübergehend schaffe die Kapitalvernichtung und -entwertung
wieder etwas Luft, nur vorübergehend steige der Profit wieder durch technische Fort
schritte und Lohnherabsetzung (vergl. 8 282). Die Krisen kehrten stets in verstärktem
Maße wieder, erzeugten immer größeres sociales Elend, eine stärkere proletarische Re—
servearmee; die Konsumkraft der Nation stocke immer weiter, durch die antagonistische
Distribution, statt zu wachsen, bis die letzte große Krise mit der socialen Revolution die
Herrschaft des Proletariats und die kommunistische Ordnung der Produktion bringe.
So berechtigt und natürlich es war, die Krisen mit den letzten Grundlagen unserer
Volkswirtschaft in Zusammenhang zu bringen, so wenig wurden doch solche halb phan—
tastische Geschichtzs-⸗ und Zukunftskonstruklionen dem Wesen der Sache gerecht. Alle
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fie über den einen allgemeinen Gedanken nicht hinaus: das geringe Einkommen der
Arbeiter und der großen Volksmasse, die zu geringe Kaufkraft der Majorität, die
sogenannte Unterkonsumtion einerseits und die planlos anarchische Produktion, die
Gewinnsucht der Unternehmer andererseits seien die Hauptursachen. Auch bürgerliche
Theoretiker schlossen sich dieser Lehre mannigfach an.
Was die Unterkonsumtionslehre betrifft, die Marx teils gebilligt, teils getadelt,
sKautsky neuerdings noch als die letzte Grundursache der Krisen bezeichnete, Tugan aber
abgelehnt hat, so wird nicht zu leugnen sein, daß ein wesentlich hoͤheres Einkommen
der Arbeiterklasse den Konsum und die innere Nachfrage erhöhen, die Widerstandsfähig—
keit der großen Volksmasse in den Depressionszeiten heben, die Nachfrageschwankungen
vpermindern würde. Man wird also zugeben können, daß die zu leicht und zu rafch
sich einschränkende Konsumtion als eine krisenverstärkende Ursache zu bezeichnen ist, und
daß ein höheres Einkommen der unteren Klassen die Kapitalbildung der höheren Klassen
rinschränken würde. Das letztere könnte zeitweise die starke Ansammlung unbeschäftigter
Leihkapitale, die oft zu Übertreibungen in der Gründungsthätigkeit Anlaß giebt, ver⸗
mindern, aber würde wahrscheinlich das periodische Sinken des Zinsfußes doch nicht
aufheben; denn es würden dann die Sparpfennige der Kleinen fich so viel stärker an—
sammeln. Und würde infolge davon überhaupt weniger gespart und Kapital gebildet,
so ist die Frage, ob das nicht der wirtschaftlichen Gefamtentwickelung mehr schädlich
als der Krise nütßlich wäre. Jedensalls aber denken sich die Socialisten die Unterkonsum—