fullscreen: Neueste Zeit (Abt. 3)

Die Spätromantik. 
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denn er hatte eine Ahnung von dem, was neuerdings unter dem 
Begriffe der psychischen Kausalität gesucht wird, was Wundt zum 
Teil unter der Lehre von der Heterogonie der Zwecke vorgetragen 
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wandlung dieser Ahnung in Gewißheit oder wenigstens Theorie 
die Ideenlehre mindestens ihrer Transzendenz entkleiden sollen. 
Wichtiger war, daß Humboldts Ideenlehre auf die mittler⸗ 
weile gewaltig entwickelten Vorstellungen von der Wirkung 
sozialpsychischer Kräfte in der Geschichte, auf das, was eigent⸗ 
lich Kulturgeschichte heißt, keine Rucksicht nahm. Nicht als ob 
er ihr Bestehen nicht gekannt hätte, wundervoll genug hat er 
sich vielmehr über sie gelegentlich geäußert. Aber sie schienen 
ihm gegenüber dem faszinierenden Eindrucke der Ideenlehre 
als von geringerer, wenn auch als von weit größerer Be— 
deutung als die politischen Motive; und da ihm zudem als 
Träger von Ideen nur Individuen oder als Individuen ge— 
dachte Völker, nicht aber eigentlich sozialpsychische Kräfte in 
Betracht zu kommen schienen, so hat er über sie nur aphoristisch 
nachgedacht. So z. B. in der Abhandlung über die Aufgabe 
des Geschichtschreibers. Und da hält er sie denn allerdings 
für geeeignet, Regelmäßigkeiten und Gesetze des geschichtlichen 
Lebens in solchen sozialpsychischen Entwicklungsreihen nach— 
zuweisen, die sich wiederholen: vor allem also in den Perioden 
des typischen Entwicklungsganges der Nationen. Aber das 
scheint ihm ohne Bedeutung; es ist die Verachtung, mit der 
im 17. Jahrhundert ein Vertreter des naturwissenschaftlichen 
Pandynamismus, ein Nachfahre etwa des Paracelsus, auf 
Galileis kleine und mühselige Versuche herabgesehen haben 
könnte. 
Und doch war inzwischen längst, wenn auch in sich über—⸗ 
aus unklar, und mehr als eine unbedingte Forderung des neuen 
Zeitalters denn als eine geisteswissenschaftliche Methodenlehre 
bon abgeschlossener Theorie die Arbeitsweise der Kulturgeschichte 
erwacht. So sehr das zu erwarten war: denn die neue Psycho— 
logie der Empfindsamkeit mußte alsbald die sozialpsychische 
Vorstellungsweise hervorrufen: so überraschend ist es gleichwohl, 
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