591)] Die Nachfrage nach Fleisch, Salz, Gewürzen u. s. w. 133
und wo der durchschnittliche Getreide- und Brotverbrauch wegen sitzender Lebensweise,
geringerer Thätigkeit der Gedärme abgenommen hat. Daß der laͤndliche erwachsfene
Arbener jährlich 60— 100 Kilogramm mehr Brot als der städtische esse, wird allgemein
angenommen und als zuträglich erachtet.
Wir sehen, daß so die Kulturvölker trotz erheblicher Schwankungen und Ver—⸗
schiebungen zwischen den paar Hauptnährmitteln im ganzen feit 6000 Jahren eine
ähnliche Getreide-, Fleisch-mMilch- und Gemüsekost haben. Was sich im wesentlichen
zeändert hat, ist die Zubereitung, die Heranziehung feinerer Nahrungs⸗ und Genuß—
mittel und die Ausbildung und Verbreitung der Getränke. Es kommt eben nicht bloß
zuf die Quantität Eiweiß und Kohlehydrate, sondern ebenso auf Schmackhaftigkeit
und Wechsel der Nahrung an; der Kulturmensch kann nur mit Appetit essen, wenn
das hinzukommt; alle Reiz- und Genußmittel werden so nach und nach zu notwendigen
Nahrungsmitteln.
Nur die rohesten Stämme lebten und leben ohne Salz, ohne das in unbegrenzter
Menge auf der Erde vorkommende, aber sehr ungleich verteilte, schwer zugängliche oder
schwer in genießbarer Form herzustellende Chlornatriumkrystall, dessen Genuß Ver—
dauung, Eßlust und Speichel- und Zellenbildung befördert, ohne das nach Plinius
kein menschliches Leben möglich ist. Es ist noch heute teilweise in Afrika so selten,
daß man vom Reichen sagt, er nehme Salz zu seinem Essen, daß man wohl für eine
Handvoll Salz ein oder zwei Sklaven giebt. Und doch war die Salzlieferung schon
hei den Römern so wichtig, daß bei der Vertreibung der Könige die zu teures Salz
iefernden Privatsalinen verstaatlicht wurden, um dem Volk billigeres Salz zu geben,
und daß von der Salzlieferung für Beamte und Soldaten aller Lohn den Namen des
Salzgeldes salarium erhielt. In den eigentlichen Kulturstaaten ist heute und seit lange
der Vegehr nach Speisesalz ein in gewissen sesten Grenzen von 8—m15 Pfund pro Kopf
iich bewegender, wo nicht enorme Steuern ihn verteuern; in England nahm er 1825
nach Aufhebung der Salzsteuer erheblich zu. In Deutschland ist er heute 7 —8 Kilo⸗
gramm, und schon im 18. Jahrhundert wurden bei dem preußischen Salzregal alle
uͤber 9 Jahre alten Personen gezwungen, 14 Pfund oder 4 Kilogramm Salz (ohne
das Viehsalz) im Gesamtpreis von 5510 damaligen Groschen zu kaufen. Bourdeau
behauptet, der Verbrauch sei heute in Frankreich 8, in England 22 Kilogramm und
sührt Stimmen an, die darauf die Verschiedenheit in der Muskelstärke zurückführen
wollen. Ich zweifle, ob die englische Zahl richtig sei, ob sie nicht den technischen Salz⸗
verbrauch einschließe.
Die indischen Gewürze, Pfeffer, Nelken, Muskatnüfse, Ingwer lernte das Abendland
erst seit den Kriegszügen Alexanders kennen. Nach Plinius wog man Pfeffer noch mit
Bold auf; erst seut dem 16. Jahrhundert sanken die Preise nach und nach so, daß diese
Bewürze, die uns jetzt für jede Ernährung nötig erscheinen, immer weiteren Kreisen
ugänglich wurden. Und ähnlich ging es mit dem Zucker; er ist im Altertum und
Mittelalter faft nur in der Form des Honigs bekannt; den Arabern dankte man den
Anbau des Zuckerrohrs in Südeuropa und Westindien; erst die Herstellung aus den
Zuckerrüben im 19.“ Jahrhundert hat ihn billig gemacht, so daß jetzt im englischen
Armenhaus Zucker gereicht wird, während im Mittelalter ein Töpfchen Honig oder einige
Pfund Zucker ein Geschenk der Könige unter einander war, und man bis 1600 den
Zucker lotweise als teures Medikament beim Apotheker kaufte. Noch heute ist der Jahres—
konsum ein sehr verschiedener pro Kopf: in Italien 8, in Rußland 3—4, in Hsterreich—
Angarn 6, in Deutschland O212, in Frankreich 11 12, in der Schweiz 16, in den
Vereinigten Staaten 28— 29, in Großbritannien 35—88, in Australien 50 Kilogramm;
er war in Deutschland 1840 2,4, 1860/64 4,7 Kilogramm gewesen. Die, welche unserer
Zuckerindustrie größern Absatz wünschen, bemerken mit Vorliebe, daß, wenn alle Welt
Zucker äße wie die Westeuropäer, siatt 3526 mindestens 50—60 Milliarden Kilo Zucker
ndtig wären. Die Ausdehnung wäre sehr erwünscht, da er ein sehr gutes Nährmittel
ist, in konzentriertester Form die nötigen Kohlehydrate giebt, für alle die doppelt
angezeigt ist, deren Magen und Darm große Brot- und Kartoffelmengen nicht recht aus—