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Lokomotiv-Wettbewerb auf dem Semmering.
Des Anlasses zum Bau der Engerth-Lokvmotive wurde schon im ersten Abschnitte
bei Besprechung der Semmeringbahn gedacht und dort auch kurz ihr befruchtender Einfluß
auf den gesamten Lokomotivbau erwähnt. Durch sie wurde vor allem der Bau von
Gelenklokomotiven ins Leben gerufen, das sind Lokomotiven mit 3, 4 und mehr Rad
achsen, also mit meistens großem Radstande, die zwecks leichteren Durchfahrens der Gleis
krümmungen gruppenweise so gelagert sind, daß sie sich in diesen thunlichst nach deren
Mittelpunkt einstellen. Hierbei ist die Schwierigkeit einer guten Dampfzuführung von dem
festliegenden Dampfkessel nach den am beweglichen Radgestell sitzenden Dampfcylindern
zu überwinden. Für Gebirgsbahnen ist ferner eine große Zugkraft erforderlich, da hier
starke Steigungen vorkommen, gleichzeitig auch die Gleiskrümmungen zahlreich und oft
scharf sind. So hat die Semmeringbahn z. B. 190 m kleinsten Kurvenhalbmesser, die
Gotthardbahn 300 m u. s. w. Je größer aber die Zugkraft sein soll, desto schwerer wird
216. Kcminerl>ig-Konkiirrrn?-Lokom»1i»e „Wirncr-Ucnstadt", 1851.
die ganze Lokomotive, desto mehr Radachsen zur Übertragung dieses Gewichtes auf die
Schienen sind erforderlich, desto größer fällt also der Radstand aus. Großer Radstand
und kleine Gleisbögen schließen sich aber aus, wenn die Achsen alle fest gelagert sind,
beide erfordern also „kurvenbewegliche" Lokomotiven.
Bis zum Bau der Semmeringbahn kannte man solche Lokomotiven — abgesehen von
dem Laufachsdrehgestell der Amerikaner — nicht. Sie wurden erst infolge des früher ge
nannten Preisausschreibens der österreichischen Regierung auf Herstellung einer geeigneten
Gebirgslokomotive für diese Bahn ins Leben gerufen. Nach den Bedingungen mußte diese
Lokomotive im stände sein, eine Wagenlast von 140000 kg auf der ungünstigsten Strecke
dieser Bahn (größte Steigung gepaart mit schärfster Krümmung) mit einer Geschwindigkeit
von 31,4 km i. d. Stunde bei guter Witterung zu befördern. Wie bei Rainhill erschienen
auch hier 4 Lokomotiven zum Wettkampf: die „Bavaria" von Maffei in München, „Wiener-
Neustadt" von Günther in Wiener-Neustadt (Abb. 216), „Seraing" tAbb. 217), von Cockerill
in Seraing (Belgien) „Vindobona" von der Wieuer-Gloggnitzer Maschinenfabrik*). Der
ausgesetzte Preis von „20 000 vollwichtigen kaiserlichen Dukaten" wurde nach den >m
*) Die „Seraing" war nach den Plänen von I. Laußmann, Maschinen-Ingenieur der
Bergisch-Märkifchen Eisenbahn, gebaut worden, jedoch ohne Vorwissen desselben. Ihm war oie>e
Bauart als „Doppellokomotive" in Preußen patentiert.