1. Allgemeiner Charakter des amerikanischen Lebens. 461
Viele Meilen weit dehnt sich das Säusermeer von New Rork, Brooklyn und
Jersey City an dem Äser des Stromes aus. In den Simmel ragen die Gebäude der
Eich hinein, und so viel auch über diese „Simmelskratzer" geschrieben und gespottet
worden ist, sie sind doch ein bedeutendes Wahrzeichen dessen, was ein
machtvoll aufstrebendes Volk zu leisten vermag.
Ich habe vor acht Jahren die ersten dieser Riesenbauten gesehen, — einen
bescheidenen Anfang — heute, nach kurzer Frist sind aus den wenigen über ihre
niedrigen Nachbarn um 10 und 20 Stockwerke hinausragenden Steinmasscn schon
mehrere Dutzende geworden. 50—60 solcher Gebäude zählt schon der Broadway in
dem mit Stolz als Oreuter New York bezeichneten Teil der Eich, wo der Platz so
teuer ist, daß man nicht in die Weite, sondern nur in die Söhe bauen kann. Bis
zu 32 Stockwerken hoch ragen diese Gebäude in die Lust hinein, die schlanken Türme
der neben ihnen stehenden gotischen Kirchen überragend, und sic sind doch, trotz aller
gegenteiligen Behauptungen, nach meinem Geschmack nicht einmal unschön zu nennen.
Die amerikanischen Ingenieure und Architekten haben cs verstanden, aus diesen Kolossen
architektonische Bauwerke zu schaffen, die sich immerhin sehen lassen können.
Aus Stahl und Eisen gebaut, mit Quadern und Säulen umkleidet, in Türme
und Kuppeln auslaufend, sind die meisten architektonisch schön gegliederte Bauwerke.
Man rühmt von den größten, daß nicht weniger als 8 Millionen Pfund Stahl
gebraucht worden sind, um das unzerstörbare Fundament und das Knochengerüst eines
einzigen solchen Riesengebäudes abzugeben, das Sunderten von Kontoren und Offices
Raum bietet und die großen maschinellen Einrichtungen in seinen unterirdischen Geschossen
birgt, um Licht und Wärme den Insassen zu spenden und die Lifts mit unheimlicher
Schnelligkeit und Sicherheit zu jenen gewaltigen Löhen cmporzutrcibcn. Feuerfest sollen
sie sein und sind auch wohl für die Dauer gebaut und dauernd im stände, einem
Geschäftsverkehr zu dienen, von dessen Großartigkeit mau sich schwer eine Vorstellung
machen kann.
Alle Seitenstraßen der City zeigen dasselbe, fast beängstigende Bild eines unglaub
lichen Durcheinander von wogenden Menschenmasscn, Last- und Personenwagen, wie
cs selbst die größten Safen- und Sandelsstädte Europas nicht kennen.
Aber nicht nur in dem eigentlichen Brennpunkte des Großhandels, sondern
neuerdings auch in der Fifth Avenue mit ihren vornehmen, stolzen Palästen, ihren
prächttgen Kathedralen und Klubhäusern sieht man diese Riesengcbäudc zu unheimlicher
Söhe emporwachsen.
Das größte Sotel der Welt, wie es sich stolz nennt, jenes bekannte, nach dem
Württembergischen Dörflein Walldorf, dem Geburtsorte des zum Multimillionär
gewordenen, alten deutschen Kolonisten Astor, von seinen Erben so benannte „Wall
dorfhotel" mit über 1400 Kellnern und Bediensteten, reckt hier seine Erker und
Türmchen zu schwindelnder Löhe empor.
Die mit fabelhaftem Luxus ausgestatteten großen Klubhäuser, die eleganten Logier
häuser, die ihre Etagen, voll möbliert, mit voller Verpflegung, an vornehme Familien
auf Monats- und Iahreskontrakte vermieten, wachsen in derselben Weise in die Luft hinein.
Äbcrall werden die wenig Jahrzehnte alten und doch noch brauchbaren Säufer,
mit ihren vier und fünf Stockwerken abgerissen, um solchen Riescnpalästen Platz zu
schaffen, die Tausende und Abertausende von fleißigen Menschen während der Tages
arbeit in ihren Räumen aufnehmen, ihnen Kontors und Büreaus rc. zur Verfügung stellen.
Die Amerikaner haben stets das Bestreben, überall das Größte und Beste in
der Welt zu haben, und in marktschreierischer Weise rühmen sie das, was sie besitzen,
als das Größte, Schönste und Servorragendstc. Sie scheinen nicht zustieden, wenn
sic nicht im Superlativ von dem reden können, was sie selbst oder ihre Stadt und ihr
Land besitzen, und so ist aus diesem Charakterzugc der echten Pankees das Streben