Allgemeines und Spezielles über Entwicklung und Stand der Wohlfahrtspflege. 37
insbesondere durch Einrichtung von Kaffeeküchen, Mineralwasserproduktion, Milchhäuschen
(z. B. auf den Werken und Hütten der Buderusschen Eisenwerke in Wetzlar, des
Alexanderwerks, A.-G. in Remscheid), alkoholfreien Kantinen usw. gefördert zu
werden pflegt, so muß man die Beträge in Gruppe 23 (Speiseanstalten usw.) zur Beurteilung
mit heranziehen. Die für Gruppe 18 festgestellten Beträge dürften daher im wesentlichen
für Aufklärungszwecke durch Verteilung von Merkblättern, Literatur, Abhaltung von Vor
trägen als auch für Unterstützung von Trinkerheilstätten und für Vereinsbeiträge usw. be
stimmt gewesen sein. — Die Schriften des Deutschen Vereins gegen den Mißbrauch geistiger
Getränke weisen fast in jeder Nummer ihrer „Mäßigkeitsblätter“ planmäßige Bemühungen
von Arbeitgebern in der Trunksuchtbekämpfung nach, so daß man auch hieraus ein
erfreuliches Wachsen des Verständnisses für die Notwendigkeit der Alkoholbekämpfung in
der Industrie ersehen kann.
Besondere Aufmerksamkeit wendet auch der Staat in seinen Verkehrsbetrieben
der Trunksuchtsbekämpfung zu, ohne daß hierfür die aufgewendeten Mittel ziffernmäßig
aus den Etats ersichtlich sind. So sind die meisten deutschen Eisenbahnverwaltungen an
gewiesen, dem Zugpersonal bei länger andauernder oder ungewöhnlicher Hitze abgekühlten
Tee oder Kaffee unentgeltlich zu verabreichen, auch sonstige kühlende Getränke (Selter
wasser, Limonaden) an den Zügen bereit zu halten.
Diese Fürsorge für Bedienstete hat wesentlich die Durchführung der Verbote des
Genusses alkoholhaltiger Getränke während des Dienstes (in Preußen seit 1905)
für alle im Betriebsdienste beschäftigten Beamten, Hilfsbeamten und Arbeiter erleichtert.
In welcher erfolgreichen Weise auch der private Arbeitgeber den Alkoholmißbrauch
seiner Arbeiter zu bekämpfen vermag, zeigt das Beispiel der Textilfirma F. Brandts in
M. - Gladbach, die allerdings in unserem speziellen Teil nicht vertreten ist. Aber die
Eigenart des hier angewendeten Hauptkampfmittels gegen die Trunksucht verdient der Nach
ahmung wegen erwähnt zu werden.
Die Firma gewährt eine Prämie an diejenigen Arbeiter, die sich während eines
Monats des Genusses von Branntwein völlig enthalten haben. Diese Prämie beträgt 1 Mk.
und wird an jedem ersten Zahltage des Monats dem Lohnbetrag beigefügt. Die Kontrolle
darüber, daß der Arbeiter tatsächlich während des in Frage stehenden vergangenen Monats
keinen Schnaps weder in der Fabrik, noch im Wirtshause, noch zu Hause, noch sonst ge
trunken hat, besteht darin, daß derselbe einen Schein unterschreibt und am letzten eines
jeden Monats in einen verschlossenen Kasten legt. In diesem Scheine erklärt der betreffende
Arbeiter auf Treue und Gewissen, daß er im vergangenen Monat weder Branntwein noch
Liköre, Magenbitter und dergleichen, noch irgendwelche andere gebrannten Getränke ge
nossen hat. Die Scheine sind jederzeit leicht zu haben und brauchen nur mit Unterschrift
und Datum versehen zu werden. Der Name des Ausstellers wird geheim gehalten und ge
langt nur zur Kenntnis des Obermeisters und zweier Vertrauenspersonen, wie des Fabrik
herrn. Wer in gewissenloser Weise einen Schein unterschreibt, trotzdem er Branntwein
oder ein ähnliches Getränk genossen hat, wird bei Entdeckung sofort entlassen. Nach den
Angaben der Firma beweist der Wechsel der Zahl und der Personen für die einzelnen Monate,
caß nicht anzunehmen ist, daß falsche Erklärungen abgegeben werden. Die Einrichtung
soll sich bewährt haben, und mehr als % sämtlicher Arbeiter soll die Prämie erhalten.
Um ihren Arbeitern die Herstellung eines guten Haustrunkes zu ermöglichen, übernehmen
die Portland-Zement-Werke, Heidelberg und Mannheim, jeden Herbst die Besor
gung mehrerer Eisenbahnwagen guter Äpfel, die zum Selbstkostenpreise abgegeben werden.
Sie fördern weiter die Ziegenzucht, um die Kinder durch Gewöhnung an Ziegenmilch vom
frühzeitigen Genuß alkoholischer Getränke abzuhalten. — Die Daimler-Motoren-Ge
sellschaft, Stuttgart-Untertürkheim, hat zur Einschränkung des Alkoholgenusses
eine Fabrikationsanlage von Limonaden und Sodawasser mit den neuesten Einrichtungen
geschaffen, die täglich bis zu 4000 Flaschen herstellt, was dem Konsum an heißen Sommer-