Full text: Wirtschaftsgeschichte der deutschen Kolonien

Zweiter Abschnitt. Die einzelnen Schutzgebiete und ihre Entwicklung 
niederschlagen, ehe sie das Land erreichen. Das 
Ergebnis ist eine für die Schiffahrtunbequeme Rebel⸗ 
ildung auf dem Meere und eine Wüstenbildung 
auf dem Lande. Hinter dieser, der Namib, er— 
Jebt sich das 1200 m hohe Plateau mit aufgesetzten 
Gebirgszügen und Bergen bis zu 2600 m (Brandberg, 
Waterberg Omatako). Nordöstlich reicht der Caprivi⸗ 
ipfel bis zum Sambesi, der Wendekreis des Krebses 
geht etwas südlich Windhuk durch das Land. Dort 
falien etwa 400 mm Regen von November bis April, 
die letzten Tropfen der Verdunstungsmenge des In⸗ 
ischen () Ozeans. Der Sommer ist trocken. Die 
Temperatur schwankt zwischen 1 und 330, das Mittel 
beträgt 19,30, es kommen Nachtfröste von 100 und 
daruñter vor. Die Küste hat überhaupt kaum Regen 
ind im Mittel 150. Hitze und Regenfall nimmt nach 
Süden ab (Keetmanshoop 130 mmy), nach Norden zu 
Grootfontain 619 mm). Das Ovamboland ist tro⸗ 
disch (GBalmen). Dieses war noch nicht der Ver— 
valtung angegliedert. Es lieferte mit seinen 60000 
Bewohnern die Arbeiter, namentlich für die Diamant⸗ 
gewinnung. In der Mitte, dem Damaraland, 
vohnen 25000 Hereros und 20000 Bergdamara, 
m Süden, dem Namaqualand, 14000 Hotten⸗ 
otten Mama). Außerdem wurden 8000 umher— 
streifende Buschleute und 3000 christliche Bastards 
— kapholländisch sprechende Nachkommen von 
Buren und Hotitentottinnen — gezählt. 
Um Südwestafrika ist schwer gekämpft worden. 
Die stolzen und arbeitsfeindlichen Hereros, be— 
onders aber die verschlagenen Hottentotten (Hendrik 
Witboi) griffen in kurzen Zwischenräumen immer 
wieder zu den Waffen. Der erste Gouverneur 
deutwein und der Major v. Estorff seien als 
desonders erfolgreiche Kolonialoffiziere genannt. 
Bouverneure waren nach Leutwein v. Schuck— 
mann, v. Lindequist, Dr. Seitz. 
Das Land hat nim einen Hafen: Lüderitzbucht. 
Swakopmund ist eine der Brandung schutzlos aus⸗ 
gesetzte offene Reede, die man, wie die Hauptstadt 
Togos, Lome, durch eine mehrere hundert Meter 
lange Landungsbrücke nutzbar machen mußte. 
Deun das beste Weideland liegt nicht hinter 
Lüderitzbucht, sondern hinter Swakopmund, nach— 
dem der 100 — 150 kmäebreite Wüstengürtel durch— 
chritten ist. Die Namib ist ganz besonders bös— 
artig im Süden, hinter Lüderigbucht, weil hier 
jaushohe Wanderdünen das Land überziehen. 
Deshalb fand, trotz der Ungunst der Landungs— 
verhältnisse, die erste UÜberwindung des Wüsten— 
zürtels durch eine Bahn von Swakopmund 
aus nach der auf 1600 m Höhe gelegenen Haupt⸗ 
stadt Windhukstatt. Die eingeborene Bevölkerung 
war immer spärlich und dezimierte sich in un— 
unterbrochenen Fehden, die zwischen den ver— 
schlagenen und raͤuberischen Hottentotten und den 
auf igren großen Viehbesitz stolzen und die Arbeit 
ablehnenden Hereroös wüteten. Dieser Viehreich— 
sum war aber so gut wie unproduktiv, da der 
Besitz als solcher geschätzt wurde und Veräuße— 
rung, also Verwertung kaum üblich war. Die 
rotz aller Energie in der Absperrung und Be— 
impfung 1896 doch eingeschleppte und bis zu 6000 
er Bestünde vernichtende Rinderpest hatte das 
zute, daß das zum Stillstand gekommene landes— 
bliche Transportmittel, der von 12-16 Joch 
)chsen gezogene schwere Burenwagen auf der 
auptstrecke Swakopmund — Windhuk durch eine 
zisenbahn ersetzt wurde und daß eine Verschiebung 
er Besitzverhältnisse an Vieh und Weideland 
ch anbahnte. Denn an der Wiederaufzucht be— 
iligten sich die Europäer energischer und erfolg— 
icher als die Eingeborenen. Die Besiedelung 
it Deutschen wurde allerdings durch die Vand⸗ 
»nzessionen an große Gesellschaften, die be—⸗ 
nders in der Zeit der kolonialen Hoffnungslosigkeit 
uter Caprivi ftattfand, lange gehemmt; auch die 
aderen Kolonien, besonders Kamerun, litten unter 
seser Politik, deren Rückgängigmachung große 
zchwierigkeiten machte, aber nirgends war die 
Lirkung so hemmend wie in Südwestafrika. Tas 
insiedlermaterial waren im ersten Jahrzehnt und 
rüber hinaus wesentlich ausgediente Schutz— 
uppler, und dieses meist tüchtige aber rauhe 
lement hat der Kolonie lange ihren Charakter 
egeben: eine schroffere Eingeborenenpolitik, als sie 
aden anderen Kolonien üblich war, war die Folge. 
lllerdings trug der besonders siörrische Charakter der 
tingeborenen dazu reichlich bei. Ja, ein bekannter 
ifrsaner schrieb sogar im Londoner „Observer“ 
11: „Deutschland muß es aufgeben, die Einge⸗ 
orenen, die den niedrigsien Typen der menschlichen 
dassen angehören, veredeln zu wollen. Das ist ein 
soffnungsloses Beginnen Die Hereroös müßten nach 
ustralischem Vorbild auf Reservationen abgeschoben 
herden. Nur durch weiße Besiedelung ist das Auf⸗ 
lühen der Kolonien zu erhoffen.“ Dabei war diese 
zolitik, wenigstens zum Teil nach dem großen 
lufstand 1904 schon verwirklicht. Dieser Auf— 
aund — 1904 bis 1906 — war die gewaltsame 
deaktion der Unkultur gegen die forischreitende 
ivilisation und arbeitete mit Mitteln der grauen— 
aftesten Barbarei. Die Folge war eine erheb— 
iche Verminderung der Zahl der Eingeborenen 
urch Waffen und Hunger und eine vollständige 
imsiellung der Wirtschaft des Landes, indem 
en Überkebenden nur der Besitz von Kleinvieh 
ind engere Weideplätze blieben. Damit konnte 
ine raschere Besiedelung des Landes mit Weißen, 
ne ratibnelle Aufzucht des Großviehs, Verede⸗ 
uing durch europaͤisches und australisches Blut 
ind die Einführung neuer Rassen — Angora— 
iegen, Karakulschafe — stattfinden. Die neue 
Anfiedlerschaft bestand zum großen Teil aus An⸗ 
ehbrigen gebildeter und kapitalkräftiger Kreise. 
913 wurden 14000 Erwachsene, darunter 
.700 Frauen sowie 3200 Kinder gezählt: 12800 
avon waren Reichsangehörige, 1630 Südafrikaner. 
zn ihrem Besitze waren 1331 Farmen und 
340 Kleinsiedelungen. Für Kinder bestanden 
20 Schulen, wegen der zerstreuten Besiedelung 
neist mit Pensionaten verbunden: in der Haupt⸗
	        
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