927
Industrielle Entwickelung der wichtigsten Staaten.
Mittelbetriebe liegt der Schwerpunkt namentlich beim Bau- und polygraphischen Ge
werbe. Als die Domäne des Kleinbetriebes erscheint die Bekleidungsindustrie, wo
80% aller Arbeitskräfte im Kleinbetriebe in Verwendung stehen und nur 6,4 °/ 0 auf den
Großbetrieb entfallen, sodann die Industrie der Holz- und Schnitzstoffe und jene der
Nahrungs- und Genußmittel. Auch im Handelsgewerbc überwiegt weitaus der Klein
betrieb. Die Beschäftigung von Frauen ist innerhalb der eigentlichen Industrie am
stärksten bei der Textilindustrie, wo mehr als die Hälfte aller Arbeiter dem weiblichen
Geschlechte angehören, dann in der Bekleiduugs- und Nahrungsmittelindustrie. Im Gast-
und Schankgewerbe ist die Zahl der weiblichen Gehilfen mehr als dreimal so groß wie
die Zahl der männlichen. Im Handelsgewerbe halten beide Ziffern sich die Wage.
Besonderes Interesse bieten die Zahlen über die Verbreitung der Hausindustrie.
Als hausindustrielle werden jene Betriebe bezeichnet, welche nicht für eigene Rechnung
sondern für einen anderen Gewerbetreibenden, den Verleger, arbeiten. Bei der Zählung
wurden 342 557 derartige Betriebe ermittelt, welche zusammen 457 984 Personen be
schäftigen. Am weitesten verbreitet ist die Hausindustrie im Textil- und Bekleidungs
gewerbe. Hierher gehören alle die zahllosen Hausweber, die Näherinnen und Stück
schneider, die für Geschäfte und Konfektionäre arbeiten. Gegenüber den Zahlen des
Jahres 1882 fällt auf, daß die Zahl der hausindustriellen Personen in der Textil
industrie um nicht weniger als 89322 zurückgegangen ist, ein treffendes Beispiel für die
Raschheit, mit welcher in diesen Gewerben die maschinelle Technik vordringt und den
Hausweber von seinem alten Handstuhl weg in die Fabrik zum mechanischen Stuhle
treibt. Außerdem ist auch in der Industrie der Holz- und Schnitzstoffe, wohin die gleich
falls oft hausindustriell betriebene Drechslerei, Holzschnitzerei und Korbflechterei gehören,
und in der Metallverarbeitung — hier bei der Messer- und Kleinzeugschmiederei — eine
größere Zahl von Hausindustriellen zu verzeichnen.
Die Zahl der Betriebe, welche Motoren verwendeten, betrug 164484; sie ver
wendeten zusammen 3427 325 mechanische Pferdekräfte; davon entfielen 629065 auf
Wasserkräfte, 2 721218 auf Dampfkraft, 53000 auf Gasmotoren, 11085 auf Druck
luftmotoren, 2259 auf Elektrizität, der Rest auf Petroleum-, Benzin- und andere Motoren.
Im Gegensatz zur Schweiz und Amerika besitzt somit in Deutschland die Dampfkraft eine
ganz überragende Bedeutung. Von den einzelnen Industrien ist der Bergbau und Hütten
betrieb am stärksten mit mechanischer Kraft ausgerüstet. Ihm kommt zunächst die Nahrungs
mittelindustrie ivegen der vielen hierher zählenden Mühlen. In dieser Gruppe findet auch
die stärkste Verwendung von Wasserkräften statt; es stehen hier 281090 Pferdestärken
Wasserkraft gegen 392827 Pferdestärken Dampfkraft. Die Verwendung von Wasserkraft
überwiegt ferner in der Papierindustrie, welche 112 407 Pferdestärken Wasserkraft und
bloß 87 904 Pferdestärken Dampfkraft verwendet. In Bezug auf den gesamten Kraft
aufwand steht der Nahrungsmittelindustrie die Textilindustrie am nächsten. Dabei hat
die Motorenbenutzung gegenüber 1882 bedeutend zugenommen. In diesem Jahre wurden
81280 Betriebe mit fünf Gehilfen und darunter gezählt, welche Motoren verwendeten,
gegenüber einer Zahl von 95 558 derartigen Betrieben im Jahre 1895. Die Zahl der
Motorenbetriebe mit mehr als fünf Personen hat sich von 28142 auf 65137 vermehrt.
Das gleiche Bild einer energisch fortschreitenden Entwickelung bietet sich uns, wenn wir
die Arbeitsmaschiuen in Betracht ziehen, welche durch elementare Kraft in Bewegung
gesetzt unmittelbar die menschliche Arbeit ersetzen. Die rasch um sich greifende, auf immer
neue Gebiete sich ausdehnende Verwendung solcher Maschinen ist die Grundlage und
Lebensbedingnng des modernen Fabrikbetriebes. Sie gestattet, die größten Kräfte zur
Anwendung zu bringen, indem beispielsweise der große Dampfhammer des Kruppschen
Werkes ein Fallgewicht von 50000 kg niedersausen läßt und der elektrische Ofen zum
Graphitieren von Kohle für elektrische Lampen und ähnliche Zwecke eine Hitze von mehr
als 3200 Graden erzeugt. Indem sie die Arbeit in einfache Bewegungen auflösen,
steigern sie die Schnelligkeit, Sicherheit und zumeist die Güte der geleisteten Arbeit, ge
statten es mit geringerem Aufwand an Kosten und insbesondere an menschlicher Arbeits
kraft ein reicheres Ergebnis zu erzielen. Für die wichtigsten derartigen Maschinen gibt